Nein, er hatte sich nicht getäuscht.
Da stand er — der kleine Geistesgestörte, in der Tat! Deutlich sah er sein faustgroßes bleiches Gesicht. Die Augen waren auf dieses Fenster, genau auf dieses Fenster, auf ihn gerichtet. Er stand mit zwei Gestalten, zwei Männern, einem großen und einem untersetzten. Nun näherte sich der Große der Haustüre, aber der alte Mann rief ihn zurück. Sie sprachen: berieten, deuteten auf das Fenster, auf ihn! Dann gingen sie, zögernd, und die Dunkelheit verschlang sie augenblicklich.
Leise, vorsichtig schloß der General wieder Fenster und Vorhänge. Noch eisiger war die Luft geworden. Kalter Nebel war durch das Fenster ins Zimmer gekrochen. Ja, ohne Zweifel, die ganze Wohnung war nunmehr von Nebel erfüllt. Die Wände rauchten. Sie waren grüne geschliffene Eisblöcke, die dampften.
Der Brief Ruths war auf den Boden gefallen und keuchend hob der General ihn auf. Er war geneigt, über die politischen Verirrungen eines jungen und urteilslosen Mädchens hinwegzusehen. Er war geneigt, gewisse Vorfälle zu vergessen — Irrungen eines jungen und leidenschaftlichen Herzens. Er war geneigt, Zugeständnisse zu machen, völlige Freiheit zuzusichern. Forderte sie es, so war er zu jeder Genugtuung bereit. Zu jeder!
Aber sie sollte zurückkommen!
Ja, zurückkommen. Weshalb kam sie nicht?
Er war alt, sein Leben vernichtet, zermürbt, untergraben, zerstört, ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne jede Hoffnung! Er besaß nur noch sie, sie allein — sonst nichts mehr.
Und er liebte sie! Ja, Ruth, es ist die Wahrheit, ich liebe dich!
Das alles wollte er ihr sagen, sobald er sie traf. Und er würde sie finden, ohne jeden Zweifel! Morgen, in aller Frühe schon, würde er sich wieder auf den Weg machen. Sie war ja hier, hier in der Stadt, Wunderlich hatte sie schon zweimal gesehen.
Ja, all das, all das. Und er würde sie bitten — nie in seinem Leben hatte er einen Menschen um etwas gebeten . . . Forderte sie es, von ihrem alten Vater — bestand sie darauf — nun wohl, so war er bereit, sich zu — demütigen . . .