In der letzten Nacht hatte er in einer Kanalisationsröhre geschlafen; in der Lindenstraße, vorgestern in einer Sandkiste beim Halleschen Tor. Einmal hatten sie ihn schon gefangengenommen — nein, nein. Schluß! Eine Sekunde nur — und dann: hinab!

Die Schlinge um den Hals saß er da, dampfte und keuchte — zu seinem Schrecken gewahrte er jetzt, daß er sich ganz in der Nahe eines Weges befand.

Dunkel und schweigend lag der Tiergarten. Eigentlich, bei rechtem Licht besehen, ein Park für Selbstmörder, nicht wahr? Eine rührende Vorsorge der Stadtverwaltung! Jede Nacht erschoß sich hier jemand, erhängte sich irgendeiner — fast gab es keinen unbesetzten Baum mehr. In der Ferne, aus der dunkeln Stadt prasselte Gewehrfeuer, und dann und wann dröhnte ein Kanonenschuß. Sie kämpften. Es war nicht gut, ihnen gerade jetzt in die Hände zu fallen . . .

Schwarze, gespenstische Wolken jagten über den kahlen Baumwipfeln dahin. Das welke Laub raschelte. Zuweilen hörte er auf seinem Ast auch Stimmen und Gelächter bald näher, bald ferner — und Gesang. Gesang. Dann wiederum Schüsse. Und sonderbare Laute, Miauen und Bellen, drangen aus dem Zoologischen Garten.

So also sollte er enden! Was würde sein Vater, der Pastor sagen? Ein Selbstmörder in der Familie! Schande, Schmach — Heimsuchung des allmächtigen Vaters im Himmel! — Luxus, schöne Frauen — und der Ruhm? Es war nichts damit geworden, nein. Gerade als der Krieg ausbrach wollte er zur Bühne gehen. Hamlet! Den ganzen Hamlet kannte er auswendig.

„Sein oder Nichtsein —“ flüsterte er und hob die Arme.

Beinahe wäre er von seinem Ast gefallen.

Dahinwandeln im Licht der Rampe, bewundert, umrauscht vom Beifall — Briefe schöner Mädchen und Frauen — alles nichts.

Und nun — das Seitenstechen hatte aufgehört — und nun . . .

Da aber hörte er Schritte knirschen. Er erstarrte vor Entsetzen. Kamen sie wieder? Weshalb hatte er auch solange gezögert?