Erschauernd entfloh Otto diesen drohenden Finsternissen, wie alle Welt, die sich nach den Lichtinseln der verkohlten Stadt flüchtete, den Theatern und Konzertsälen, um vor den Schatten und Gespenstern der Dunkelheit zu fliehen. Wie Tiere bei einer Sintflut, die entsetzt dahinjagen . . .

Schon in der magisch beleuchteten Tropfsteinhöhle, die als Garderobe diente, fühlte Otto sich geborgen. Die Luft, die er liebte, schlug ihm entgegen — Parfüms, Lachen, Licht, Musik . . . Es war nicht das allerfeinste Parfüm, es war dick, legte sich mehlig auf den Gaumen, aber darauf kam es schließlich nicht an.

Trotz der frühen Abendstunde war die Rotunde der Paradies-Bar schon überfüllt. Aber Otto hatte Glück, ein kleines Tischchen an der Balustrade zu erobern — dicht neben dem giftgrünen und himbeerroten Jüngling, der die Gipsarme emporstreckte und von den farbigen Strahlen eines Springbrunnens umsprudelt wurde. Lackrot und Gold waren die Farben der Paradies-Bar. Bunte Blütenkelche hingen von der goldenen Decke herab und strahlten Begierde und Wollust aus. Giftgrüne Insekten schabten die Instrumente, hämmerten mit Klöppeln. Einer der Giftgrünen glitt zwischen den Tischen hindurch und spielte den Gästen ins Ohr.

Otto klemmte die Scherbe vors Auge, damit alle Welt sehen konnte, daß er Offizier war — und nicht etwa einer von den vielen hier, den vielen, die sich von den Kadavern auf den Schlachtfeldern nährten. Stimmen schwirrten ringsum.

„Vor zwei Jahren lieh ich ihm fünfzig Mark, er kam zu mir — seine Stiefel — überhaupt — Kellner!“

„Heute hat er Millionen. Ich schätze ihn auf vier Millionen.“

„Kaufen Sie Ware, Ware — einerlei — eine Pleite, nicht auszudenken. —

„Rudi ist immer gleich bekneipt.“

Zwischen einer Glatze und einem Blumenstrauß hatte Otto ein schwarzes schlankes Dämchen mit entblößten, entzückend runden Schultern entdeckt, das seine Blicke erwiderte. Unter ihm, etwas tiefer, neben dem Springbrunnen, saßen zwei befrackte Herren, mit zwei wie Fürstinnen gekleideten Damen in kostbaren Roben, mit Brillanten und Blumen geschmückt. Er roch den Puder, der von ihren entblößten Büsten aufstieg und die Essenzen ihrer duftigen kunstvollen Frisuren. Wie rosig, dieses kleine Ohr — Kokotten natürlich — aber immerhin Fleisch, Atem, Leben.

Am Nachbartisch hatten zwei Herren im Smoking Platz genommen. Ihre dicken, glattgeschorenen Schädel und schwammigen Trinkergesichter kamen Otto bekannt vor. Es waren zwei Rittmeister, die er immer in Stifters Diele Unter den Linden gesehen hatte, wenn er mit Papa dort zu Mittag speiste. Sie hatten sich zwei reizende kleine Damen mitgebracht, allerdings nicht erster Klasse, vielleicht Verkäuferinnen, die schon jetzt zu kreischen begannen.