„Ja, die Feuerwalze ist hier, produziert sich als Kunstschütze. — Sie kennen ihn doch? Hauptmann Falk.“

Der Qualm, die Gesichter, der wilde Lärm — von Otto wich augenblicklich alle Unruhe. Jene unvergeßliche Szene glitt ihm durch den Sinn: in der Nacht, bevor das Regiment ins Feld rückte, hatte einer der Kameraden, ein Hauptmann Below — lange tot, und zwar als erster gefallen — der sich vom Liebesmahl früher zurückziehen wollte, eine Droschke ans Kasino bestellt. Man kaufte dem Kutscher höchst einfach die Droschke ab! Diese Droschke wurde bei der Steintreppe aufgestellt, die fünfundzwanzig Stufen tief vom Kasino in den Park hinunterführte. Freiwillige vor! Augenblicklich war die Droschke überfüllt. Wie ein Schwarm hingen die Kameraden auf dem Gefährt. Ein kleiner Schwung, und die Fahrt in die Tiefe begann. Die Droschke zersprang in tausend Stücke, aber nichts passierte.

Sie alle indessen — von allen Offizieren des Regiments lebten nur noch sechs, zwei davon waren Krüppel.

Mit strahlender Miene trat Otto ein, bereit, sich kopfüber in den Strudel der Fröhlichkeit zu stürzen und jede Ausgelassenheit mitzumachen. Wohltuend schlug ihm die Atmosphäre der Kameradschaftlichkeit entgegen. Hier kannte man ihn. Hier wußte man zum Beispiel, daß er 1915 einen französischen Offizier, der verwundet zwischen den Stellungen liegengeblieben war, trotz aller Knallerei in den Graben geschleppt hatte — nicht aus Barmherzigkeit, nein, nur um zu zeigen, was für ein Bursche dieser Hecht-Babenberg war!

Welche Gesellschaft! Fast alle ergraut, fahl und erschöpft. Hauptmann Wunderlichs helle Katzenaugen blinkten, die Krücken lehnten wie immer hinter seinem Sessel. Ein schwarzer Glacéhandschuh über der Holzhand. Ein junger, totenbleicher Leutnant mit schräggeneigtem, verbundenem Kopf, aus dem Lazarett entsprungen. Ein Herr im Smoking, blond und schön, den leeren Ärmel in die Tasche geschoben. Auch einige geschorene Billardkugelköpfe mit Knollen am Schädel waren da, Majore, Hauptleute. Aber sie waren in der Minorität. Ein grünes Gesicht, mit Monokel, selbst ein Blinder saß da, vergnügt ins Licht blinzelnd. Otto erblickte auch einige Offiziere seines Vaters: den Adjutanten Weißbach, den hünenhaften Major Wolff. Viele von ihnen waren dreimal, fünfmal verwundet gewesen, morgen konnte die Reihe wieder an sie kommen. Der Krieg zog sich hin.

Alle aber waren in angeregter Stimmung, und auf ihren fahlen, zerfurchten, verwüsteten Gesichtern lag ein leichtsinniger, kindlicher Ausdruck.

„Also hier ist er — hier kommt er!“ schrie Hauptmann Falk Otto entgegen. Dieser Hauptmann Falk, mit dem sonderbaren Spitznamen „Feuerwalze“, war ein kleiner, klapperdürrer Mensch, rothaarig, mit staubgrauem Gesicht — nur um die Augen zogen kranke gelbe und olivgrüne Ringe. Er sprach hastig und mit einer hohen Kehlkopfstimme, die unangenehm und herausfordernd klang. Wie Hauptmann Wunderlich, der Menschenjäger, trug er den höchsten Kriegsorden. Er war ein verwegener Bursche, hatte die schlimmsten Tage an allen Fronten mitgemacht, und für die, die ihn kannten, war es unbegreiflich, daß er überhaupt noch lebte. Er selbst behauptete kugelsicher zu sein. Immer wieder tauchte er von Zeit zu Zeit in Berlin auf, um die wenigen Tage Urlaub zu durchschwärmen. Dann kam er drei, vier Tage nicht ins Bett, und erst auf der Rückreise zur Front schlief er sich aus.

„Rasch, Hecht!“ schrie er und fuchtelte mit einer Pistole. „Sie können die Saharet gewinnen!“

Eben diese Saharet stürzte sich Otto mit einem kleinen Katzenschrei entgegen.

„Sie werden sehen,“ rief sie, „ich kenne Otto —!“