Scheu und vorsichtig drehte der Havelock den Kopf — und dort, dort stand sie — der Liebling!

Selbst zart, selbst blaß, geduldig, immer lächelnd, immer etwas zerstreut, manchmal steckte sie sogar den Finger in den Mund, mitten in diesem Wirbel von Köpfen und den Wolken von Kohldampf stand sie, seine Tochter — die Tochter des Generals. Sie stand am Küchenfenster, aus dem die endlosen Reihen von dampfenden Tellern von roten Händen geschoben wurden, und kontrollierte. Zuweilen trat sie auch an einen Tisch, plauderte, besänftigte.

So zart, so fein, ihre Augen schimmerten — diese Händchen — sollte man es für möglich halten — mitten in diesem dicken Kohlgeruch, diesem Lärm — ein gnädiges Fräulein, die Tochter eines hohen Offiziers? Sie war auch im Felde gewesen — alles wußte der Havelock — dort hatte sie gepflegt. Sie, die Zarte, hatte den furchtbaren Kanonendonner gehört, von dem Robert immer schrieb. Nur in ihrer Haltung, wenn sie rasch den Kopf wandte, hatte sie etwas Ähnlichkeit mit dem General — sonst keine, nicht die geringste.

Verstohlen blinzelte der Havelock zu ihr hin, und plötzlich errötete er wie ein Verliebter.

Sein Herz war verwaist, einsam, er war aus der Provinz zugezogen, kannte niemand in Berlin, er trank auch, der Alkohol — es war die Wahrheit: er liebte die Tochter des Generals! Ganz gegen seinen Willen, denn eigentlich wollte er sie hassen! Er kam nur hierher, um seinen Liebling zu sehen, wie er Ruth nannte. Ihr Anblick erwärmte sein Herz. Sie selbst hatte ihn ja hierher gebracht, in diese Küche. Auf diese Weise hatte er überhaupt erst diese Küche entdeckt.

Nun aber kam Ruth näher, und er wandte rasch den Kopf ab und blickte auf den Hof hinaus, wo Soldaten die Papierballen von dem Lastauto abluden.

Wieder dieser Alte mit der runden Hornbrille, wieder war er unzufrieden! Jeden Tag fast hatte er irgend etwas auszusetzen.

„Wir tun, was in unseren Kräften steht“, suchte Ruth ihn zu beruhigen.

Aber der Alte mit der Hornbrille schrie aufgeregt: „Ich bezahle ja, mein Geld ist so gut wie das Geld der andern. Und wo ist die Einlage, Fräulein —?“ Verzweifelt rührte er mit der Gabel zwischen den Kohlblättern. „Ich habe für fünfundzwanzig Gramm Fleischmarke gegeben, Fräulein — und wo ist das Fleisch, ich bitte Sie? Wo? Wo ist mein Fleisch — ich habe Anspruch. — Wo ist mein Fleisch — mein Fleisch — mein Fleisch —!?“

„Ich werde sehen“, erwiderte Ruth und trug den Teller des Alten zur Küche.