Zu gleicher Zeit, am 9. Mai, griffen die Engländer im Norden an. Südwestlich von Neuve Chapelle, östlich von Richebourg. Im Vergleich zu dem wütenden, heroischen und fanatischen Angriff der Franzosen war ihr Sturm matt. Nach einem aufgefundenen Befehl stand uns hier ebenfalls eine große Übermacht gegenüber. In drei Linien griffen die Engländer an. Das erste Regiment ging zurück. Ein zweites englisches Regiment, das vorgeworfen wurde, versagte gänzlich. Es streikte. Wie so häufig überließen die Engländer die schwere Arbeit den andern. Nun stürmten die Schotten vor, das Regiment Scotch Blackwatch. Es wurde durch unser Feuer fast gänzlich niedergemäht. Nach Aussagen von Gefangenen zählte man an diesem Tage achthundert Tote. Zwei Schotten, die bis an unsre Gräben gelangt waren, ergaben sich. Sie konnten nicht hereingenommen werden und lagen vor der Brustwehr von fünf Uhr nachmittags bis sechs Uhr früh, und unsre Leute mußten über ihre Körper wegfeuern.
Der wütende Ansturm kam zum Stehen. Unsre Heeresverwaltung ließ ihren Apparat spielen und warf Reserven und Truppenmassen ins Gefecht: Joffres Durchbruch war mißglückt.
Zu einem einheitlichen Angriff großen Stils fehlte dem Gegner seit dieser Zeit die Kraft. Indessen fanden Tag und Nacht größere und kleinere Teilangriffe statt. Der Erfolg schwankt hin und her. Zuweilen gelingt es dem Feind, in unsre Gräben einzudringen, er wird durch Handgranaten vertrieben. Ein Angriff ohne Artillerievorbereitung, den er am 12. unternahm, erstarb schon im Feuer unsrer Geschütze. Nahkämpfe, bei denen Bajonett, Kolben und Handgranaten arbeiten, sind alltäglich. Alles in allem zählte man sechsundvierzig Angriffe gegen verschiedene Stellungen unsrer Front, seit dem 9. Mai. Unter diesen sechsundvierzig Angriffen waren acht von größerer Bedeutung.
Wieder und wieder, hartnäckig und verbissen, läuft der Feind gegen Punkte unsrer Front an, die strategisch besonders wichtig sind. So gegen unsre Stellungen an der Straße Souchez-Aix-Noulette. Bei Ablain, das wir, wie erwähnt, geräumt haben. Gegen die Höhe nördlich Neuville. Im Dorfe Neuville selbst wird Tag und Nacht gekämpft, und hier werden die Kämpfe noch lange wüten. Vor einigen Tagen überrannte hier der Feind unsre Barrikaden, aber nach halbstündigem erbitterten Kampf wurde er wieder zurückgeworfen. Gegen den starken Riegel, den wir über die Lorettohöhe zogen. Die Trümmerstätte der Kapelle selbst ist in den Händen des Feindes. Gegen die Straße Ecurie-Roclincourt. Hier hatte der Feind bei La-Maison-blanche ungeheure Verluste, und die Erde trank das französische Blut in Strömen. Gegen unsre vorspringende Front nördlich von Ecurie. Hier fanden wiederholt wütende Angriffe statt. Unsre Geschütze legten einen Kranz von Geschossen vor unsre Gräben. So heftig war das Feuer, daß ein französischer Offizier überlief, er war fertig mit den Nerven. Das oft genannte Labyrinth bei Ecurie befindet sich noch in unsrem Besitz.
Die Engländer im Norden haben in der letzten Zeit größere Angriffe nicht unternommen.
Obwohl unsre Heeresleitung keine andre Absicht verfolgte als unsre Stellungen zu halten, sich also rein defensiv verhielt, haben wir in den letzten Kämpfen doch acht Offiziere und fünfzehnhundert Mann zu Gefangenen gemacht. Joffre gewann etwas Terrain. Auf einer Front von vier Kilometern rückte er achthundert bis fünfzehnhundert Meter vor. Dieser geringe und unwesentliche Geländegewinn steht in einem tragischen Mißverhältnis zu dem Aufwand an Kampfmitteln und den Verlusten. Wenn Joffre seine Toten beerdigt, so wird er finden, daß er einen Friedhof erobert hat.
Die Lorettohöhe unter Feuer
Im Juni
Der Tag ist heiß, und die Schlacht wütet. Es ist immer dieselbe Schlacht, eine der furchtbarsten und größten dieses Krieges, die Schlacht bei Arras. Sie dauert schon Wochen, wird sie nie enden? In der schwülen Nacht polterten und schlugen die Geschütze, und sie poltern und schlagen in den heißen, glühenden Tag hinein. Die Kanoniere schlafen nicht mehr. Je näher der Wagen kommt, desto lauter krachen die harten Schläge der Kanonen.
Die Landschaft ändert sich. Aus dem Grün der Wiesen und Felder heben sich riesige, unförmige Aschenhaufen, grauschwarz und öde, die Schlackenberge der Kohlenzechen. Plump und häßlich liegen die Schutthalden da, unproportioniert, die Wohnstätten der Menschen, die grünen Baumwipfel überragend, unfruchtbar inmitten der fruchtbaren Erde. Sie sehen aus wie die Krater erloschener Vulkane. Hohe Kamine, Fördertürme, Backsteingebäude, Beton- und Eisenfachwerk. Hier vorn, in der Feuerzone, stehen die Zechen still. Weiter hinten rauchen Schlote. Im Norden, im Dunst der Sonne, steht auch die feine Rauchfahne der Zeche von Courrière, deren Unglück vor Jahren das Herz der ganzen Welt erschütterte. Damals eilten westfälische Bergleute herbei, um ihren französischen Kameraden Hilfe zu bringen. Es handelte sich um zwei- bis dreihundert Bergleute, die in der harten Schlacht um das tägliche Brot fielen, und die Welt brachte ihnen jene Summe von Mitgefühl entgegen, die im geraden menschlichen Verhältnis zu der Katastrophe stand. Man hat es vergessen. Viele tausend Jahre liegen zwischen der Schlacht von Arras und jenem denkwürdigen Tage, da deutsche Männer ihren französischen Kameraden im gleichen Landstrich zu Hilfe eilten! Heute handelt es sich um Hunderttausende, um mehr. Die Welt schweigt! Mehr als das: die ganze Welt arbeitet fieberhaft, um Material zu liefern, das die Legionen der Opfer vermehrt. Die Welt will leben, damit andre sterben. Das ist die Wahrheit.