Auch drüben beim Feinde rauchen die Schlote! Sie fördern sogar in der Feuerzone, sie brauchen Kohle. Selbst wenn hineingefunkt wird, stellen sie den Betrieb nicht ein. So ist der Krieg.
Das Auto biegt in einen Zechenhof ein. Es ist still hier und so sauber wie in einem Tanzsaal. Die Zeche steht still, sie ist längst ersoffen. Wo es früher rasselte und zischte, daß man sein eignes Wort nicht verstehen konnte, herrscht jetzt Feiertagsschweigen. Stille Leute sind hier eingezogen, Verwundete und Ärzte. Die Zeche ist ein Lazarett.
In dem großen Zechensaal liegen sie, die Tapferen, die für uns gekämpft haben, in langen Reihen. Der Saal ist hoch, luftig und rein und die Betten schneeweiß. Die Fenster stehen offen. Von dem Saal aus blickt man direkt in die Baderäume, die früher den Bergleuten dienten. Nichts fehlt, nichts ist vergessen, für alles ist hier wohl gesorgt. Ärzte und Pfleger bewegen sich zwischen den Betten, Schwestern gibt es hier außen nicht. Leichter oder schwerer verwundet, je nachdem die Schlacht sie losließ, liegen sie da und leiden heroisch, so wie sie vorher heroisch kämpften. Viele schlafen. Sie sind erschöpft, oder das Morphium hilft ihnen über die schlimmsten Schmerzen hinweg. Einzelne stöhnen im Schlaf. Einer hat das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, und seine Hände zupfen im Schlaf leicht an der Decke. Es gibt hier blutige Verbände und viel Schreckliches, daß einem das Herz stehenbleibt, aber ohne Blut und Wunden gibt es keinen Krieg. Die meisten sind erst heute nacht und in den letzten Tagen eingeliefert worden. Einer hat den Kopf vollkommen eingewickelt, so daß er aussieht wie eine Wattekugel. Aber zwei frische und muntere Augen blicken aus den Binden hervor. Es gibt hier Gesichter von allen möglichen Farben. Ein gelbes Gesicht mit geweiteten Augen verfolgt mich lange. Der Mann war am Tode, aber der Arzt versichert mir, daß für ihn keine Gefahr mehr besteht. Die meisten Gesichter aber sind, so erstaunlich es ist, braun und frisch, es sind robuste Burschen, die etwas vertragen.
Einer sitzt in seinem Bett, der geschiente linke Arm ist hoch gelagert und an einem richtigen Strick aufgehängt. Mit der Rechten schreibt er eine Feldpostkarte. Ja, er schreibt an seine Frau, daß es ihm gut geht, und er hat keine Lust, sich lange stören zu lassen. Ein junger Unteroffizier lächelt mir mit roten Wangen und hellblauen Augen entgegen. Er ist achtzehn Jahre, blond und frisch, Zögling einer Unteroffizierschule. Er bekam einen Schuß in den Schenkel, wuchtig wie eine große Keule warf ihn die kleine Kugel nieder. Er hat keine Schmerzen, nein, zuweilen ein bißchen, morgen geht es in die Heimat, und bald kommt er wieder.
Aber es gibt hier viele, die nicht schreiben und nicht fröhlich plaudern, und hier gibt es manche, die ihre Heimat nicht mehr sehen werden.
Im Hof sind zwei Krankenautos vorgefahren. Eine Tragbahre steht auf der Erde, und darin liegt ein Kanonier mit verbundenem rechten Arm. Schmutzig und zerrissen, wie er aus der Schlacht getragen wurde, liegt er da, und sein Verband rötet sich langsam vom Blute. Die Stiefel hat man ihm ausgezogen. Sein Gesicht ist braun, fast schwarz und sein Blick stark. Ich sehe, daß er die Zehen in den Socken verkrampft. Die Mütze, eine runde, schirmlose, verstaubte und verknüllte Mütze, hat er noch keck auf dem Kopfe sitzen.
„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn und sehe, wie seine Zehen arbeiten.
Er schüttelt den Kopf. „Ein bißchen Schmerzen muß man schon aushalten, es schadet nichts. Ein Volltreffer kam in die Batterie, schweres Kaliber, drei Mann tot, fünf verletzt.“ Er spricht, als stünde er mit Granaten auf du und du. „Die andern sind im Wagen.“
Ich blicke hinein. Es stöhnt da drinnen. Ich gehe.
Im Zimmer des Zechenpförtners liegt ein Franzose. Er liegt allein, nicht weil er ein Franzose ist, sondern weil es schlecht um ihn steht. Seine Wunde ist zu furchtbar, als daß man ihm wünschte, durchzukommen. Er ist ein schöner junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig. Sein schmales Gesicht ist bleich und still, seine Augen tiefbraun und noch voller Leben und Bewußtsein. Tagelang wird er noch unterwegs sein, bevor er sein Ziel erreicht.