Die beiden Krankenwagen fahren aus dem Hof, ein voller Wagen kommt herein. Herrlich ist die Hilfsbereitschaft und Unermüdlichkeit der Ärzte und Pfleger und Krankenträger. Es gibt viel zu tun in diesen Tagen.
Mit der Landschaft haben sich die menschlichen Wohnstätten und die Menschen geändert. Es sind keine anmutigen Dörfer mehr, es sind Arbeiterviertel, aus der Großstadt in die Landschaft geworfen. Rußige Backsteinhäuser, staubige Straßen, schmucklose Fenster mit ein paar Fetzen schmutziger Gardinen. Die Bewohner sind keine Dörfler und Bauern, es sind Städter aus den Kellerwohnungen, in billigen, verschlissenen Kleidern. Bleich, schlecht genährt und schwindsüchtig stehen sie untätig vor den Haustüren und starren dem Wagen mit stumpfen Blicken nach. Fahle, greisenhafte Kinder, mit einer Spur von Schönheit, die in den Geschlechtern verklingt, halbwüchsige Burschen mit kecken Mützen, die Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Sie greifen an die Mütze, wenn man vorbeikommt, und strecken die Zunge heraus, sobald man vorüber ist. Nur ganz selten kann ich jenen schönen und helläugigen Typus des Arbeiters entdecken, den die Arbeit nicht vernichtete.
In das Industriedorf B. wird zuweilen hineingeschossen. Ein paar Dächer sind abgedeckt, ein paar Häuser zeigen Granatlöcher. Gestern kamen einige Granaten herüber und töteten eine Frau und zwei Kinder. Heute sitzen Weiber und Kinder schon wieder an der Straße, als sei nichts geschehen.
Gleich hinter diesem Dorf sinkt die Straße ins Tal, in die breite Talmulde hinab. Und drüben liegt sie ausgebreitet wie ein Panorama, die berühmte Höhe, die so viel Blut getrunken hat, die Lorettohöhe.
Sie sieht anmutig aus. Golden und grün steigt sie aus der grünen Talmulde empor, breit und sanft, ein flacher Höhenzug, von Hügelketten flankiert. Oben ist sie bewaldet, Laubwald, das Bois de Bovigny. Sie liegt in der glühenden Sonne, und Wolkenschatten ziehen darüber hin. Sie sieht aus wie eine sonnige Höhe in Franken oder in Thüringen oder irgendwo, es ist gar nichts Besonderes an ihr. Ein breiter, sanfter Höhenzug in der Junisonne, der Dunst der Hitze darüber und etwas Wald auf der Kappe, nichts sonst. Und doch ist diese anmutige, sonnige Höhe, die so friedlich aussieht, daß man glauben könnte, Schafe würden dort weiden und Kinder spielen in den Wiesen, heute nichts als ein großer Grabhügel, ein Riesengrab. Tausende und aber Tausende liegen dort, Freund wie Feind. Sie fielen im Herbst, im Winter, im Frühjahr. Viele konnten nicht begraben werden. Sie lagen monatelang in der Sonne, im Schnee, im Regen, und die Erde zerrte an ihnen und zerrte sie langsam in sich hinein. Des Nachts starrten sie aus ihren offenen Augen in die glitzernden Sterne empor, in jene Welt des Friedens und der Herrlichkeit, wo ihre Seelen jetzt wanderten, während ihre Leiber in der Hölle dieser Erde lagen. So furchtbar ist die Wut des Krieges, daß die Gegner sich nicht einmal die Zeit zur Bestattung ihrer Toten gewähren können, wie es Heiden und Wilde taten.
Man wird nun einsehen, daß die Anmut und Lieblichkeit dieser Höhe eine Lüge ist. Dort oben gibt es schauerliche Dinge, an die niemand gern denkt. Es gibt dort Sumpfstreifen, in denen die Toten langsam versunken sind, so daß heute nur noch ein Stiefel oder ein Ellbogen heraussieht. Es gibt Gräber voller Unheimlichkeiten, halb voll Wasser und Schlamm, und ein Schnurrbart sieht aus dem Wasser. Es gibt hier Dinge, die man nicht erzählen kann. Wenn der Bauer einst hier wieder pflügt, so wird er bei jedem Schritt auf Knochen stoßen, auf Stiefel und zerbrochene Gewehre.
Hier oben stand die oft genannte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Sie ist heute ein Haufen Trümmer.
Hier oben hat jeder Quadratmeter Boden seine Kämpfe gehabt, seine Toten, sein Entsetzen. Die Erde ist zerfetzt von Granaten. Hier oben hat jeder Weg, hat jede Besonderheit ihren Namen, und an all diesen Namen hängt viel Blut und Heldenmut. Diese Namen werden weiterleben, und die Soldaten, die die Höhe freigab, werden von ihnen sprechen, wenn sie alt sein werden. Da ist die Kanzel, der Hohlweg, der Barrikadenweg, die Schlammulde, die Totenwiese. Diese Namen kehren wieder in den Gefechtsbüchern der Regimenter, die hier kämpften.
Hat jemand gewußt, welche Bedeutung diese Höhe in diesem Kriege hat? Niemand. Zuweilen wurde sie in kurzen Telegrammen genannt. Man wird anfangen, an sie zu denken.
Seit Wochen ist sie unter schwerem Feuer. Auch heute.