„Seit wann sind Sie im Felde?“
„Seit dem Anfang,“ erwidert er mit einem bedeutungsvollen Blick.
„Wünschen Sie Zigarren? Wünschen Sie Tee?“ fragt der Offizier.
Die Gefangenen stecken sich Zigarren an. Tee lehnen sie ab, da sie erst Kaffee getrunken hätten.
Zigarren? Tee? Ich sehe es zornrot werden, das feiste Gesicht des biedern Bürgers hinter seinem Schoppen. Zigarren, Tee!? Man sollte –!! O nein. Ich empfehle ihm vierundzwanzig Stunden Lorettohöhe, nicht mehr, vierundzwanzig Stunden, und er wird den rechten Ton finden! Ich sah einen General einen gefangenen Offizier grüßen. Er grüßte ihn mit besonderer Aufmerksamkeit und Achtung, er grüßte den tapfern Gegner in ihm, die französische Armee. Dieser Krieg wird mit solch unsäglicher Erbitterung geführt, man schlägt sich die Schädel mit Spaten ein und erlaubt einander nicht, seine Toten zu begraben, daß man diese Ritterlichkeit dem gefangenen Gegner gegenüber nicht hoch genug schätzen kann. Auch der Franzose wird ja nicht ganz seine Traditionen verleugnen! Übrigens, das nebenbei, gibt es in diesem entsetzlichsten aller Kriege selbst während des Kampfes noch Beispiele von Ritterlichkeit, bei uns und auch bei ihnen. Nur eines: der Gegner stürmt, der Sturm ist matt, die Hälfte ist im Graben geblieben, die andre Hälfte flutet im Feuer zurück. Ein Offizier stürmt ganz allein weiter. Plötzlich schweigt das Feuer. Der Offizier stutzt, sieht sich um, senkt resigniert den Degen und geht langsam, ganz langsam zu seinem Graben zurück. Keiner unsrer Grauen schoß, es bedurfte nicht erst eines Befehls. Also, mein Lieber, nicht: man sollte –! Laß sie nur machen, sie wissen schon, was sie tun müssen, denn, siehst du wohl, sie waren da oben auf der Lorettohöhe! – Doch das gehört nicht hierher.
Sie rauchen also und wir plaudern. Der Blonde liest „La Croix,“ eine katholische Zeitung. Der Pariser liest alles, was er in die Hand bekommt. Der Blonde ist der Ansicht, daß das religiöse Gefühl des Soldaten sich vertieft habe, aber der Pariser zweifelt daran, sehr stark sogar. Priester gibt es ja genug bei ihnen, das sei wahr, jedes Regiment habe seinen Priester, und die Priester kommen in die Gräben, bei stärkstem Feuer, trösten, beten und leisten Beistand, wo es nötig ist. Die Verpflegung ist ausgezeichnet, und die Post funktioniert glänzend, wenigstens jetzt funktioniert sie überraschend gut. Sie kommen viel in Ruhe. Jedes Regiment stürmt meistens nur einmal, dann hat es lange nichts Besondres zu tun. Über die Engländer wissen sie nichts. Sie tun ihre Pflicht, wenigstens wären alle Franzosen dieser Überzeugung. Von den Italienern hätten sie sich von Anfang an nicht viel versprochen. Lieber Friede als Krieg, natürlich, aber man schlage sich, solange es sein müsse. La guerre, oui, cette guerre, oh lala! Es sei kein Krieg mehr, sondern eine schreckliche Schlächterei, une terrible boucherie, möchte man sagen. Aber wie gesagt, man schlage sich, sie und wir, natürlich, solange es eben sein müsse, bis einer einmal sage: Halt! Sie bekämen alle Nachrichten sehr rasch. „Lemberg“ haben sie einen Tag darauf gehört. Sie glauben nicht an die monströsen Geschichten, die ihre Zeitungen ihnen auftischen, von geschlachteten Kindern und ähnlichen Dingen – nein, daran glauben sie nicht, denn, bei Gott! – Der Pariser lacht und hustet – sie haben ja jetzt die intime Bekanntschaft der deutschen Soldaten gemacht: fürchterlich im Kampf, aber sonst ein guter Bursche. –
Die Gefangenen löffeln im Schulhof die Abendsuppe. Der Hof ist klein, und sie müssen in zwei Schichten essen, wie im Speisewagen, wenn der Zug überfüllt ist. Es sind über zweihundert, die den Kirchhof lebend verließen. Die großen Kessel dampfen. Sie schöpfen, schlürfen und löffeln. Sie sind ganz bei der Sache und beachten uns nicht. In ihren blaugrauen weiten Rockmänteln, die trotz der neuen Farbe immer noch etwas an Maskerade erinnern, schlürfen sie mit den Suppennäpfen hin und her, die stille selige Gier in den Augen, sich zu sättigen. Das Regiment (Jäger) stammt aus einem südlichen Departement, und die Leute sehen vorzüglich aus, stark und gesund. Nur zwei, drei haben ergraute Schläfen, die meisten sind zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Der erste Hunger ist gestillt, sie plaudern und scherzen, ganz als ob sie noch da drüben wären. Sie kamen aus Gräbern und Särgen gestiegen, aus dem Tod, aber man merkt ihnen nichts mehr an. Die Überlebenden aus dem Kirchhof von Souchez sind äußerst vergnügt.
Die Posten stehen mit aufgepflanztem Bajonett. Keine Angst, sie laufen nicht weg! Wer diesen Feuergürtel zwischen den Gräben lebendig durchschritt, hat keine Lust mehr zurückzukehren.
Auf dem Fenstersims seines Zimmers sitzt mit gekreuzten Armen ein gefangener Offizier. Ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, mit hübschem leichtsinnigen Gesicht und graublauen vergnügten Augen. Er strahlt vor Freude, daß die Sache ein Ende hat, und es fällt ihm gar nicht ein, uns etwas vorzumachen. Vor fünf Tagen noch war er in Lyon, auf Urlaub. Herrliche Tage und Nächte, er hat im Graben alles eingehend aufgeschrieben. Und sie, wie entzückend war sie! Nun also, so ist der Krieg, jetzt sitzt er hier auf dem Fensterbrett eines kleinen Schulzimmers.
Er trägt ein blaues Hemd, seine Brust ist offen, Kragen oder sonst eine Binde hat er nicht. Auf seinen dünnen braunen Haaren sitzt kokett ein blaugraues Barett, wie es die Pariser Studenten tragen, und vorn ist in Silber ein kleines Waldhorn gestickt.