Am Vorabend des Kampfes erlebe ich den Angriff in allen seinen Phasen auf der Karte. Ich bin Gast bei Exzellenz, dem Kommandierenden, und seine Offiziere erklären mir die geplanten Operationen. Sie sprechen sachlich und klar, mit der Ruhe von Leuten, die ihrer Sache sicher sind. Weiß zieht und gewinnt, matt in drei Zügen. Auf dem Papier sieht es aus wie eine Schachpartie, aber nur auf dem Papier. Unsere Figuren sind aus Fleisch und Blut, und Regeln und Gesetze gibt es in dieser blutigen Partie nur so lange, als man die Kraft hat, sie dem Gegner vorzuschreiben.
Aus den Argonnen dröhnt dumpf Geschützdonner, aber es ist das normale Abendfeuer, und niemand hört es mehr, so sehr sind sie daran gewöhnt. Die Karte liegt auf dem Tisch unter der elektrischen Lampe, und mein Instruktor, der Jäger, treibt mit den feinen gepflegten Händen die Regimenter vor bis zur Linie, die sie erreichen sollen. Er läßt die im Wald und in den Bergkuppen stehenden Batterien feuern, die Minenwerfer, er trommelt die feindlichen Gräben ein, umgeht, flankiert starke Stellungen. Ich sehe den ganzen Sturm vor Augen.
Das Telephon klingelt. Herr Major. „Jawohl, die und die Batterie feuert soundsoviel Schüsse, zu der und der Zeit. Das ist das Zeichen, jawohl. Guten Abend!“ Trotz aller Ruhe schwingt eine leise Erregung im Hause. In den Argonnen bin ich nicht mehr fremd. Ich finde mich auf der Karte leicht zurecht, ich kenne zum Teil das Terrain und unsere Stellungen. Hier ist Four de Paris, nahe am Tal der Biesme. Die Gräben klettern von hier aus über die Hubertushöhe. Dann werden sie unterbrochen von der Schlucht des Charmesbaches, setzen sich fort über die Höhe, die den sonderbaren Namen Eselsnase trägt, bis hinüber zur Houyettemulde. Zum großen Teil sind dies die Stellungen, die die Argonnenleute dem Feinde im Juni und in den ersten Tagen des Juli wegnahmen. Jene Barre aus Stacheldraht, Maschinengewehren und Minenstollen, die sich Cimetière, Bagatelle, Grüner Graben, nannte.
In diese Stellung hinein ragt bogenförmig ein neues starkes französisches Werk, eine Festung aus Stollen, spanischen Reitern, Drahtbarren, Minengängen, Schluchten und Blockhäusern und unterirdischen Forts, eine Festung, aus der der Tod in hunderttausendfältiger Gestalt springt, wenn man sich ihr nähert: das Werk Marie-Thérèse.
Morgen soll es in unserer Hand sein. Morgen Punkt acht Uhr werden die Batterien einen Hagel von Eisen auf das Werk werfen, sie werden es in Stücke zerreißen, morgen um elf Uhr werden wir es stürmen!
Ob ich alles verstanden habe? Jawohl, alles. Nichts ist einfacher, klarer. Nichts ist verwickelter und unverständlicher. Es ist ein Schachspiel, in dem der Zufall eine mächtige Rolle spielt. So scheint es mir. Der Jäger zu Pferd telephoniert an die verschiedenen Stellen, die Uhren müssen genau gerichtet werden. Ein paar Minuten Differenz können zum Verhängnis werden. Jede Kleinigkeit ist besprochen, alle Vorbereitungen sind bis in die kleinsten Details getroffen. Minenstollen, Munition, Handgranaten, Gasmasken, Granaten, Wasser, Nahrungsmittel. Jede Kompanie weiß genau, was sie zu tun hat, jeder Zug, jeder Pioniertrupp, jeder einzelne Mann. Sobald er den Fuß aus dem Graben setzt, folgt er einer Reihe genau gegebener Befehle, – wenn er nicht fällt. Was moderne Kriegskunst vermag, ist geschehen. Der Angriff ist schon gelungen, Marie-Thérèse gehört in Wahrheit schon uns, – obwohl noch kein Mann die Gräben verließ. So muß es sein.
Wir begeben uns in den Gesellschaftsraum und sitzen in Sesseln um den Kamin. Vom Angriff wird nicht mehr gesprochen. Die Politik und ein schwarzgefleckter weißer Terrier treiben das Gespräch. Aber die Unterhaltung wird nie lebhaft und laut. Das Telephon klingelt häufig. Frühzeitig geht man zur Ruhe.
In meiner Dachkammer habe ich Muße nachzudenken. Dann und wann schlägt im Walde dumpf ein Geschütz. Es grollt in der Nacht und poltert irgendwo in der Ferne. Unsere Grauen, die jetzt in den Gräben draußen im Walde liegen, sie wissen es ganz genau. Sie wissen, daß er auf unser Feuer antworten wird, und um elf Uhr, Punkt elf Uhr, werden sie aus dem Graben klettern. Sie bereiten sich vor auf den Sturm, so und so. Viele Herzen schlagen rascher, und viele schlafen heute nicht in ihrem Lehmloch. Wenn sie den Kopf über den Graben strecken, so pfeift der Tod daher, springen sie in die feindliche Sappe, so kann es sein, daß sie dem Tod in die Arme springen. Offizier und Mann, sie wissen nicht, wie es morgen abend sein wird. Sie sind Soldaten und sie kämpfen. Marie-Thérèse ist alles, nicht ihre eigene Person!
Aber sie, drüben in Marie-Thérèse, sie wissen nichts, sie ahnen nichts. Nun, so schlafen sie wenigstens noch diese eine Nacht ohne Qual. Marie-Thérèse ist vieler Grab, morgen um diese Zeit. Der Jäger zu Pferde rechnet nicht mit dem Zufall. Wie aber, wenn der Franzose heute nacht angriffe? Wenn er in einem Nachbarabschnitt morgen im Morgengrauen vorginge? Aus dem Wald grollt das Rollen eines schweren Geschützes. Es feuert fast ohne Pause. Ich horche. Beginnt es zu trommeln? Nein, es ist ein Bursche, der nebenan in der Bodenkammer schnarcht. Übrigens soll ich morgen um vier Uhr hinaus in die vordersten Gräben der Eselsnase, um mir das Werk Marie-Thérèse in der Nähe zu betrachten.