Um vier Uhr morgens ist es bitterkalt in den Argonnen. Wir fahren, in unsere Mäntel eingehüllt, in die stockschwarze Nacht hinein. Die Sterne glitzern groß und kalt wie im Winter. Ich bekomme einen bitteren Geschmack im Mund, wenn ich die Sterne betrachte. Es ist keine Zeit für die Sterne. Wir sind in die Erde gesunken, ohne jeden Zweifel und haben keine Zeit mehr, die Sterne zu betrachten. Geschütze schlagen dumpf. Auch in der Nacht muß hier gearbeitet werden. Das Feuer ist normal, mit Befriedigung stellen wir es fest. Er hat nichts gemerkt, er bereitet nicht an irgendeiner anderen Stelle etwas vor. Ein zerschossenes Dorf. Im Wald wird die Straße morastig. Es hat hier seit acht Tagen nicht geregnet, aber die Straßen sind zerweicht, und das Auto rutscht wie ein Schlitten durch den Schmutz. Ein Fuhrwerk begegnet uns, wir biegen aus, kommen ins Schlingern, der Chauffeur geht auf den zweiten Gang, und wir mahlen uns aus dem Dreck. Hier gibt es Löcher und Granattrichter, so daß wir nur langsam vorwärts kommen.

Wir durchqueren den Wald, die schwarzen Bäume rauschen, die Sterne blitzen durch die Wipfel, es ist schön, trotz des schlechten Weges. Ein zerschossenes Dorf. Menschen tauchen auf. Eine Sanitätskolonne in Marschbereitschaft. Sind sie jetzt schon auf den Beinen? Die Leute in den Gräben da oben sind noch gesund und munter, aber hier stehen schon die Leute, im grauen Morgen, die sie verbinden sollen. Wir löschen die Lampen. Wieder ein zerschossenes Dorf. Wir gehen zu Fuß weiter. Es wird langsam Tag. Nebelgestalten huschen an der Wegseite, Feldküchen, Krankenträger, Reserven. Wir steigen bergan. Ein Weg, der gangbar gemacht wurde dadurch, daß man Baumstamm an Baumstamm reihte. Das Holz der Stämme ist abgeschabt und zermahlen durch die vielen Räder und Stiefel, die hier bergan und bergab gingen. Der Wald wird plötzlich lichter. Es wird Tag. Die Schlucht erweitert sich, und vor uns liegt eine zerschossene kahle Bergkuppe. Wir steigen in die erste Zone ein. Die erste Zone, das sind die Gräben, um die im Winter gerungen wurde. Die hohen Bäume sind vernichtet, aber das Unterholz grünte wieder. Diese Zone hat das Aussehen eines Weinberges, einer Hopfenpflanzung. Gräben, Schutt, Granattrichter. Dann aber kommt die zweite Zone, der Berg selbst. Wie sieht er aus? Unnatürlich, ohne jeden Vergleich! Man denke sich einen wild erregten Ozean mit zornigen, dichtgedrängten Wellen, das wilde Meer bei Sturm. Aber dieses Meer ist aus Lehm und plötzlich in einer Sekunde erstarrt. Ich übertreibe nicht. So und nicht anders sieht der Berg aus.

Wogen, Zacken, Abgründe. Das erstarrte Meer wälzt sich gegen die Höhe. Dazwischen stehen Stumpen toter Bäume. Von Tausenden von Gewehrkugeln wurden sie durchlöchert, bis sie wie ein Sieb waren und ein Windstoß sie zu Boden warf. So sieht es hier aus, es ist das Trostloseste und Schrecklichste, was die Phantasie erdenken kann. Gräben, Sprengtrichter an Sprengtrichter, viele Meter tief und breit. Diese erstarrten Lehmwogen sind das Ergebnis der Kämpfe von vielen Monaten. Es riecht hier nach Leichen und schrecklichen Dingen. Teile menschlicher Körper ragen aus den Lehmkrusten, Tuchfetzen, zerschlagene Blechgeschirre liegen in den Löchern. Um jeden Granattrichter wurde hier gekämpft. Langsam, Schritt für Schritt, mußten unsere Truppen sich zur Höhe emporkämpfen. Sie standen bis an die Hüfte im Wasser. Es gibt hier einen Weg, der den Namen „Selbstmörderweg“ trägt. Ein Annäherungsgraben, der nur flach ausgehoben worden war, und den die feindlichen Maschinengewehre bestrichen. Die Leute wollten lieber das Leben riskieren, als ewig im Wasser waten! Tausende haben diese erstarrten Lehmwogen verschlungen, Freund wie Feind. Nun schweigen sie.

Früher trug diese Wüstenei Namen: es sind die berühmten Werke Central, Cimetière, Bagatelle, die im Juni und Juli genommen wurden.

Rot und dunstig steigt die Sonne über das tote Lehmmeer empor, das in seiner höchsten Wildheit erstarrte. Granaten winseln durch die Luft, Einschläge krachen. Ein schweres deutsches Geschütz schießt. Dumpf und fern klingt der Abschuß, als gehöre das Geschütz einem anderen Teil der Kampflinie an. Aber mächtig rauscht die Granate über uns dahin, und ein paar Sekunden später kracht der Berg. Drei Granaten feuert es herüber, dann schweigt es. Aber andere Geschütze schlagen. Eine Granate singt doppelstimmig durch die Luft, ein Querschläger. Das hört sich drollig an. Vereinzelte Gewehrkugeln summen über den Lehmberg dahin, ein Maschinengewehr bellt heiser. Plötzlich kommt eine ganze Horde feindlicher Granaten durch die Luft getrillert, eine hinter der anderen, in wahnsinniger Eile. Es kracht, daß die Erde zittert. Der Franzose schleudert Wurfminen.

Es ist die gewöhnliche Morgenarbeit, ganz „normales“ Feuer. Alles geht gut.

Durch den Annäherungsgraben kommen die Leute aus den Feldküchen hinter uns her. Immer zwei tragen an einer Stange auf den Schultern einen schweren eisernen Kessel. „Bringt ihr Kaffee?“ – „Nein, Suppe, es muß heute früher gegessen werden.“ – Heute! Ja, heute ist ein besonderer Tag.

Die Sonne scheint, zum erstenmal treffe ich im Argonnenwald schönes Wetter, aber die Grabenwände strömen eisige Kälte aus.

In den Gräben auf der Eselsnase ist schon alles munter. Zuerst kommen wir zu den Württembergern, dann zu den Reichsländern und Preußen. Draußen, fünfzig Meter, dreißig Meter entfernt liegt hinter einer Barre von Stacheldrähten das Werk Marie-Thérèse. Eine blaue Rauchmauer steht darüber, der Rauch von den Granaten und Minen der „Morgenarbeit“. Granaten winseln und schlagen ein. Die schweren feindlichen Wurfminen krachen wie Donnerschläge. Die Posten stehen am Gewehr, die Maschinengewehre lauern. Handgranaten, Minenwerfer mit Munition, alles ist bereit. Kupferdrähte führen hinaus in eine Sappe: um elf Uhr soll die Mine hochfliegen! Überall ist man geschäftig, in aller Ruhe, denn man hat Zeit. Ausfallstufen werden gegraben. Ernst und still sind die Leute, etwas stiller als sonst, denn sie wissen, was der Tag für sie bedeutet. Spricht man sie an, so reißen sie sich zusammen, entschlossen und kühn blicken ihre Augen.

„Macht eure Sache gut, heute!“ – „An uns soll’s nicht fehlen! Heute hau’n wir sie wieder zusammen.“