Der Kronprinz tritt an zwei junge Burschen heran, die sich aus den Tabakresten ihrer Hosentaschen Zigaretten drehten und kein Feuer haben. Er reicht ihnen seine Streichholzschachtel und spricht sie an. Nun, besonders gute Manieren haben die zwei jungen Bengel nicht, es sind Hafenarbeiter aus Toulouse. Sie plaudern lebhaft, paffen und lachen. Sie sind froh, aus der Sache heraus zu sein, sie machen kein Hehl daraus. Aber der Kronprinz spricht mit ihnen, freundlich und schlicht, wie er mit seinen eigenen Soldaten redet. Sie haben sich geschlagen für ihr Land, der Tod ging da oben hundertfach dicht an ihnen vorüber, es kommt also hier nicht so sehr auf die Manieren an.

Links, ein paar Schritte abseits von den dichtgedrängten Reihen der schwitzenden, schmutzigen Gefangenen, steht eine Gruppe gefangener Offiziere. Ihre Haltung ist würdig. Die Uniform ist einfach, weit und bequem geschnitten, es ist nahezu die Uniform des gemeinen Mannes. Keine Dekorationen, keine Abzeichen. Am Ärmelaufschlag zwei schmale, drei Zentimeter lange wagrechte verblaßte goldene Borten, das ist alles. Für die Eitelkeit ist diese Uniform nicht geschaffen, das kann niemand behaupten. Sie tragen blaugraue Käppis. Wohin ist die prunkvolle Maskerade des französischen Heeres gekommen?

Ernst und nachdenklich sehen sie vor sich hin. Qualvoll und demütigend ist ihre Situation, obschon jedermann bestrebt ist, ihre Gefühle zu respektieren. Ein Offizier, der äußerste, ist blaß wie eine Wand und vollkommen erschöpft. Sein Blick geht ins Leere. Neben ihm steht ein junger Leutnant, keine vierundzwanzig, mit vornehm geformten energischen Zügen. Die Muskeln seines Gesichtes zucken, er blickt zum Himmel empor, zur Erde herab, er nagt an der Lippe, er kämpft mit den Tränen.

Sie alle leiden. Aber ihre Leute fangen an, sich mehr und mehr mit der Lage abzufinden. Sie schwatzen und lachen. Sie sind allzu eifrig, mir zu erklären, daß „sie sich beglückwünschen“, aus der Sache heraus zu sein. Jeder beglückwünscht sich. Je me félicite –! „Ja, da oben ging es schlimm zu, große Verluste. Ich wurde verschüttet, grub mich aus, mit Hilfe eines Kameraden. Da waren die Deutschen schon da, überall, wir sehen einen Trupp Gefangener und laufen hin. Ihr Angriff war gut gemacht, chic! Ich beglückwünsche mich, offen gestanden.“

Ich nehme einen jungen, intelligent aussehenden Burschen zur Seite, gebe ihm eine Zigarette und plaudere mit ihm. Er stammt ebenfalls aus dem Süden. Er war in einer Sappe, die zugeschüttet war, die Deutschen warfen Handgranaten hinein, sie selbst schossen heraus, Geschrei, Rauch, schon war er gefangen. Er breitet die Arme aus und deutet auf die Landschaft: „Ich sehe mein Land, ich sehe alles in bester Ordnung. Ich sehe hier das Dorf und die Leute, es ist alles sauber, die Felder sind bestellt, Vieh gibt es hier. Und man hat uns gesagt, daß die Deutschen alles plündern und niederbrennen. Ich traue meinen Augen nicht.“ Gleich darauf beglückwünschte auch er sich.

Ich gebe ja jedem Soldaten das Recht, sich zu freuen, daß er lebendig aus der Schlacht kam, denn selbst der Tod fürs Vaterland ist schwer, so leicht er auch vielen Leuten erscheint, die nie eine Granate sausen hörten – allein, es ist schließlich nicht nötig, daß er die Gefangenschaft als die beste Lösung preist. Es ist auch nicht nötig, daß sie mir erzählen, ihre höheren Offiziere hätten Reißaus genommen, denn es ist nicht wahr, das weiß ich von anderen.

Ich habe schon bessere französische Regimenter gesehen.

Immer neue Gefangene strömen ins Dorf. Über den Wäldern wird ein feindlicher Flieger beschossen. Die Geschütze krachen und pochen noch immer wütend. Gegen Abend steigert sich das Feuer mehr und mehr, und in der Nacht rollt es pausenlos und zornig. Trommelfeuer.

Am Morgen sehe ich die Gefangenen abmarschieren. Ein langes blaues Band schlängelt sich ins Tal. Der junge Offizier hat sich gefaßt und schreitet still und ergeben wie ein Leidtragender in einem Trauerzug hinter den blauen Stahlhelmen her.

Eine Stahlhaube ist neben einem Baum liegen geblieben.