Grau schüttelte den Kopf. „Geben Sie sich weiter keine Mühe mehr!“ rief er zornig aus. „Ich habe mir recht wohl gedacht, daß Sie zu Dem und Jenem fähig sein könnten, deshalb habe ich Ihnen so dringend nahe gelegt das Andenken jenes unglücklichen Mädchens hoch zu halten. Seien Sie nur still! Ich will Ihnen das eine sagen, daß Sie von meiner Seite aus nicht das geringste zu befürchten haben werden. Aber ich werde nicht ruhen — ich werde nicht eher ruhen! — bis ich jenen Herrn gefunden habe, der Sie beschwätzt hat, um ihn an seine Pflicht zu erinnern. Sagen Sie ihm das! Leben Sie wohl — wenn Sie einmal einen Rat brauchen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. Es läßt sich noch alles in Ordnung bringen, überlegen Sie es!“

Grau stieg hinauf in den Saal, wo er mitten in den Trubel des Festes trat.

Der Saal war angefüllt von Menschen, er war so voll, daß man sich kaum bewegen konnte. Alles lachte, schrie, riß den Mund auf, alle waren in übermütiger, vom Tanzen und Trinken erregter Stimmung. Eine Menge von Chinesinnen und Chinesen in allen denkbaren Kostümen und Farben schob sich hin und her und wo man hinsah, erblickte man Zöpfe, Pfauenfedern, Schirme, Fächer, breite chinesische Hüte, in fortwährender Bewegung. Der Saal aber hatte sich verwandelt in eine chinesische Straße mit Tee-, Kaffee-, Sekt-, Wein-, Bier- und Verkaufsbuden; bunte schmale Tücher mit phantastischen Drachen und Schriftzeichen hingen von der Decke herab und überall brannten Lampione in allen Farben und Formen, klein, nicht größer als eine Faust, mächtig groß und dick wie ein Faß, glühend rot, zart und schimmernd und manche verblaßten vollständig in all dem Rauch und Dunst, der aus der lachenden, treibenden Menge emporstieg.

Grau hatte keine Zeit alles genau zu betrachten, er begann augenblicklich fieberhaft zu suchen.

Der erste Bekannte, den er sah, war Eisenhut. Er trug ein unglückliches, gelbes Kostüm, eine Art Sack mit weiten Ärmeln, eine gelbe runde Mütze und merkwürdigerweise einen hohen Stehkragen, in den er den Spitzbart drückte, so daß er wie ein Pinsel vorsprang. Er trug eine gelbe Maske, aber jeder mußte ihn sofort erkennen, an seinem Spitzbart, den tiefen Furchen um den Mund, der Körperhaltung. Er schlich sich durch die Menge und seine kleinen Augen lugten mit komischer Lebhaftigkeit aus den Schlitzen der Maske, er ging, als wolle er alles sehen und selbst nicht gesehen werden.

Einen Augenblick lang ruhten ihre Blicke ineinander, aber Grau blickte weg, als ob er ihn gar nicht kenne. Er wollte ihm die Freude nicht rauben. Zwei Chinesinnen stürzten auf Eisenhut zu und drängten ihm Zigaretten auf, aber Eisenhut machte eine ärgerliche Handbewegung und entfloh zu einer Weinbude, wo er rasch ein Glas Wein hinunterstürzte.

Die Menge kam aus irgend einem Anlaß in Bewegung und Grau wurde dicht ans Orchester gedrückt, wo ihm die Baßtrompete direkt ins Ohr plärrte. Er verlor Eisenhut aus den Augen. Plötzlich wurde er von zwei Seiten angepackt. „Herr Grau, Herr Grau!“

Es waren die Schwestern Sinding, die ihn bestürmten, Sie hatten glühendrote Wangen. In ihren losen Kostümen sahen beide etwas dick aus. Hahaha, also er sei doch hier! Welch ein Lärm, abscheulich, puh! Aber er sei wohl Nichtraucher?

„Wir haben Zigaretten zu verkaufen — buh, buh!“ Klara Sinding winkte der Baßtrompete still zu sein. „Es geht lustig zu! Ja, wir sind heute alle vergnügt!“

„Im Gegenteil, ich rauche leidenschaftlich gern!“ sagte Grau und er erstand ein Paket Zigaretten.