Die Mutter Adeles saß in einem Stuhl, in Spitzen und Seide gehüllt, fein, durchsichtig, fast selbst nichts andres als Spitzen und Seide, sie hatte Adeles Augen; der Freiherr von Hennenbach stand in einem Kreise von jungen, fröhlichen Herren — es waren die Offiziere von Weinberg — er war größer als alle, grau und würdevoll, er rauchte eine große Zigarre und trug einen mächtigen Siegelring am Zeigefinger. Er hatte Augen wie ein Falke und änderte nie den Ausdruck des Gesichtes, ob er nun lachte, plauderte oder zuhörte. Seine Haare waren bis in den Nacken hinab sorgfältig gescheitelt und sahen aus wie eine schmale, graue Straußenfeder, die kokett über seinen hohen Schädel gelegt war.

Baron Kirchgang — Adeles Bräutigam — war ein schweigsamer, etwas ärgerlich aussehender Herr, dessen Schläfen ergraut waren. Sein Gesicht war rot, von verschwommenen Formen, als sei es mit kochendem Wasser verbrüht worden. Er wechselte einige nichtssagende Worte mit Grau. Als er an den Schenktisch trat, bemerkte Grau, daß sein linker Arm verkrüppelt war, er war kürzer als der rechte und lahm.

Grau sah sich unter all den Herren aufmerksam um.

„Ihr Herr Bruder ist nicht da?“ fragte er Adele.

„Er ist dagewesen,“ antwortete sie ihm, „er sitzt mit seinen Freunden im ersten Stock irgendwo und spielt. Wollten Sie ihn sprechen?“

„Ich dachte nur,“ sagte Grau. „Danke!“

Adele füllte ein Glas und reichte es Grau. Sie stieß mit ihm an und sagte lächelnd: „Auf das Wohl Ihrer Braut!“

Grau dankte. „Auf Susannas Wohl!“

Adele leerte das Glas und sah Grau einen Augenblick lang tief an. Er verstand ihren Blick nicht. Adele lachte und wandte sich den Gästen zu. Sie begann zu lachen und zu plaudern, aber ihre Stimme klang kühl und ihre Augen blitzten hart. Sie blickte nicht mehr auf Grau, ja sie sah stets an ihm vorbei, wenn sie dahin blickte, wo er stand. Sie lachte und schien heiter zu sein, aber ein unruhiger Glanz war in ihren Augen. Nur wenn sie auf ihre Mutter blickte, die nur Augen für die Tochter hatte, so änderte sich ihr Blick jedesmal. Mit tiefen, schwärmerischen Augen sah sie die Mutter an. Dieser Blick verriet alle ihre Liebe.

Gerade in diesem Augenblick näherte sich Eisenhut dem Kiosk. Er bahnte sich langsam und hartnäckig den Weg. Er zwängte sich zwischen zwei lachenden Mandarinen hindurch, puffte einen Herrn im Frack in die Seite, dann ging er um einen dicken Herrn herum, der sich nicht zur Seite drängen ließ. Endlich stand er am Schanktisch und man konnte seinem Munde ansehen, daß er zufrieden lächelte. Eine Weile stand er wartend da, die Damen waren alle beschäftigt. Er reckte den Hals aus dem hohen Stehkragen, bewegte die Lippen und seine kleinen lebendigen Mausaugen verfolgten durch die Schlitze der Maske jede Bewegung Adeles. Er räusperte sich, er hustete um sich bemerkbar zu machen, aber in all dem Getöse hörte man ihn gar nicht, niemand beachtete ihn.