„Ah!“ Das größere Auge des Lehrers erweiterte sich vor Erstaunen, das kleinere prüfte den Fremden mit einem langen scharfen Blick.
„Aber Sie haben sich schlafend gestellt?“ sagte der Lehrer langsam, gleichsam für sich; und er fügte rasch hinzu: „Ja, ich habe dies und jenes gehört. Interessiert Sie der Fall?“
Der junge Mann nickte. „Ich habe das allergrößte Interesse!“ sagte er.
Der Lehrer erzählte. „Was für merkwürdige Dinge auf der Welt passieren!“ schloß er. „Nicht wahr?“ Er lachte leise. Wenn man des Lebens komischen Spuk recht ins Auge fasse, murmelte er, indem er sich den schwarzen Bart strich, man müsse die Folgerung ziehen, daß Gott wahnsinnig sei.
Der Fremde blickte den Lehrer mit klaren, ernsten Augen an. „Sie kennen vielleicht die unglückliche Mutter des Mädchens?“
Der Lehrer erstaunte immer mehr. Er trat einen Schritt zurück und vermochte nicht sofort zu antworten. Aber er faßte sich und lächelte. „Diese kleine, alte Frau?“ sagte er und blickte den Fremden mit einer gewissen Scheu an, die immer wieder in seinen Zügen auftauchte, so oft er sie auch zu unterdrücken versuchte. „Sie ist eine Eierhändlerin, wissen Sie, geht herum in den Dörfern und kauft Eier ein, um sie in der Stadt zu verhandeln. Ein armes Dingchen, sie wohnt neben dem Armenhaus, dicht daneben, fast im Armenhaus selbst, im Hexengäßchen wohnt sie, jedes Kind kennt sie.“
„Danke!“ sagte der Fremde und streckte dem Lehrer mit einer offenherzigen Bewegung die Hand entgegen. „Danke Ihnen aufrichtig!“ Die Herzlichkeit in seiner Stimme besiegte die sonderbare Scheu des Lehrers vollständig. Ein Lächeln verklärte sein männliches, wildes Gesicht. Er streckte ihm beide Hände hin.
„Verehrter!“ rief er aus. „Verehrter! Es ist mir eine große Freude, Ihnen auf meiner Wanderschaft begegnet zu sein. Ich hoffe, das Glück wird nicht ohne Nachwuchs bleiben, das heißt, Sie verstehen mich wohl, ich hoffe, daß ich Sie wiedersehen werde. Vielleicht schenken Sie mir die Ehre Ihres Besuches? Ich bin in Acht und Bann, ohne jeglichen bürgerlichen Kredit, ein entlassener Volksschullehrer — sage es gleich, ohne zu befürchten, daß Sie das abhalten könnte mein Haus zu betreten.“ Und als der Fremde mit herzlichen Worten für die Einladung dankte und seinen Besuch zusagte, fügte er mit strahlendem Gesichte und aufrichtiger Freude flüsternd hinzu: „Ah, herrlich! Mein Heim ist bescheiden, aber die Flagge des Glückes flattert darüber. Sie werden Mütterchen kennen lernen, meine Frau! — Mütterchen, so heißt sie in der ganzen Stadt — haha — Sie werden sie kennen lernen, so klein wie sie ist! Ich bezahle Ihnen hundert Flaschen Wein, wenn Sie sich vorstellen können, wie klein sie ist und wie leicht! Oft, wenn ich in den Feldern herumliege, denke ich, wie klein ist sie doch — wie klein und leicht — wie ein Kork. Und Susanna werden Sie kennen lernen — meine Tochter — ein herrliches Geschöpf, herrlich an Körper und Geist — eine Art Heldin — nun, Sie werden sie ja sehen! Ich bin eben auf dem Wege zu ihnen, zu Mütterchen und Susanna, seit einem Jahre bin ich nicht mehr da gewesen — aber plötzlich hat mich die Sehnsucht gepackt, so daß ich sogar den Zug nahm, was seit sechs Jahren nicht mehr passierte, ich mache alles zu Fuß —“
„Sie arbeiten also auswärts?“ fragte der Fremde.
„Wie?“