„Sie arbeiten also auswärts, nicht hier am Platze?“
Der Lehrer gab seinem Kopfe einen Ruck und beugte das Ohr lauschend herab. „Ah!“ rief er, „arbeiten?“ Er schüttelte langsam den haarigen Kopf und seine Augen glühten. „Ich hasse die Arbeit! Ich bin ein freier Mann, ein Wanderer, wandere umher, jahraus — jahrein — in Sturm und Wetter, in Sonne und Tau — ein Bruder der Vögel, ein Freund der Bäume, ein Sohn der Sonne“ — hier legte er die Hand aufs Herz und seine Augen glänzten schwärmerisch — „ein Schrecken für alle eingesessenen Bürger! Ein Komet, der unterwegs ist, wenn Sie wollen. Nein, ich arbeite nicht, junger Freund, haha, was Ihnen doch einfällt!“ Er betrachtete den Fremden mit einem gönnerhaften, väterlichen Blick. „Meine Familie lebt in angenehmen Verhältnissen — sozusagen in sehr angenehmen Verhältnissen. Ich hoffe, Sie werden den Besuch nicht vergessen, gleich hier beim Bahnhof!“
„Auf keinen Fall.“
Der Lehrer sah den jungen Mann lange an, gleichsam, um sich sein Antlitz für alle Zeiten einzuprägen; er bewegte den Kopf in kleinen Rucken, um genauer zu sehen und tiefer in die Züge eindringen zu können. Dann schüttelte er leicht den Kopf.
„Sie sind ein eigentümlicher Mensch!“ sagte er leise. „Ich habe auch Ihr Gesicht noch nicht gesehen, alle anderen Gesichter habe ich ja tausendfach gesehen. Ich schätze es mir zur Ehre, Ihnen begegnet zu sein. Allezeit Ihr Diener!“ Darauf nahm er den Hut ab, drückte ihn gegen die Brust und verbeugte sich. „Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen zum Abschied vorstelle!“ sagte er in tiefstem Baß. „Heinrich Löwenherz, ein fahrender Gesell!“
Der Fremde nahm den Hut ab und verbeugte sich seinerseits.
„Richard Grau,“ sagte er.
Der Lehrer verschwand wie ein Phantom irgendwohin und der Fremde sah ihm mit einem nachdenklichen und erstaunten Blicke nach. Aber dieser Heinrich Löwenherz hatte eine schöne Empfindung in ihm zurückgelassen, und er nahm sich vor, ihn sobald als möglich aufzusuchen.
Viertes Kapitel
Die kleine Stadt lag schon ganz ausgestorben. In den krummen Gassen brannten einige Laternen, halb zugeschneit, mit kleinen verrußten Petroleumlämpchen. Die alten buckligen Häuser standen stumm und vornüber gebeugt und erinnerten an im Stehen schlafende Pferde. Da und dort schimmerte ein helles Fenster. Der Schuhmachermeister Männlein saß friedlich über die Arbeit gebeugt, der Fleischer Keim hackte etwas auf einem Blocke und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auch Fräulein Karola Sperling, Modes, hatte noch Licht. Denn sicherlich war sie es, die da droben im Giebelzimmer wohnte.