„Jajajaja!“ Der Wirt, ein x-beiniger Mann mit winzigem Kopfe kam heraus und musterte Grau. Er schlich im Halbkreis um ihn herum, wog den Reisesack mit den Blicken, betrachtete Graus alten Hut, abgetragenen Mantel, seine frostroten Hände und endlich machte er die Augen scharf und musterte sein Gesicht, das vor Erschöpfung bleich und ausgehungert und vor Kälte blau gefroren aussah.
„Treten Sie ein! Ins Gastzimmer!“
Nach all der Dunkelheit erschien das Gastzimmer festlich beleuchtet, obgleich nur eine einzige Hängelampe brannte. Alles erschien nahezu weiß, die Wände, der lange, mit Vasen, Papierblumen und Gipsfiguren barbarisch geschmückte Tisch, die Vorhänge, die Wände und selbst der Fußboden. Die Decke aber war braun. Es war wohltuend warm hier, und der Duft einer feinen Zigarette vermischte sich mit dem abgestandenen Geruch von Speisen und etwas Ranzigem. Aus dem Geruch schloß Grau, daß hier die unverheirateten Beamten der Stadt aßen, etwa zehn an der Zahl, die alle gut zu speisen liebten. Ihr durch die Tafel angeregtes Gespräch schien noch in der Luft zu hängen und irgendwo zu stecken, gleich dem Rauche der schweren Zigarren, die sie nach dem Essen pafften. Nun war das Zimmer öde. Irgendwo zirpte eine Spieldose eine Arie, und an einem Tischchen in einem Erker saßen eine Frau und ein junger Mann vor einer Batterie von Weinflaschen. Die Frau saß sehr unschön da, den Stuhl weit zurückgeschoben, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht in den Händen. Der junge Mann saß in seinem Stuhle, die Füße, an denen er abgeschabte Reitstiefel trug, weit von sich gestreckt und rauchte. An seiner weißen Hand blitzten Steine. Er kitzelte die Frau mit einer Reitpeitsche am Halse. Beide wandten das Gesicht zur Türe, als Grau eintrat und Guten Abend wünschte, die Frau tat es, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen. Sie war blond und schön wie eine Puppe. Sie hatte auch das Puppenlächeln. Der junge Mann hatte ein fahles, langes Gesicht und seine schwarzen gescheitelten Haare spannten sich wie glänzender Atlas über den Schädel.
„Hö!“ schrie der junge Mann und sprang auf. Er eilte auf Grau zu, nahm die Reitpeitsche unter die Achsel, verbeugte sich wie ein Kellner und rieb sich die Hände, als wasche er sie.
„Was befehlen der Herr?“ fragte er mit einer für seine zwanzig Jahre außerordentlich tiefen und rauhen Stimme und lachte betrunken. In seiner Rocktasche zirpte die Spieldose.
Grau sah ihn mit erstaunten Blicken an. „Sind Sie der Kellner?“ fragte er, indem er sich, unangenehm berührt, abwandte und den Mantel auszog. Ein alter, etwas knapper, dunkelfarbiger Gehrock kam zum Vorschein. Die Ärmel waren mit schwarzen Borten eingesäumt und die Brustaufschläge zeigten etwas wie schwarze Seide. Da und dort schien der Stoff mit Tinte nachgefärbt zu sein.
Die blonde Frau lachte kichernd. „Aber, Herr Baron!“ rief sie mit einer Mischung von Vorwurf und Koketterie in der inhaltslosen, hohen Stimme und sah Grau mit ihren großen Augen neugierig an.
„Ich fühle mich hier zu Hause, Tante!“ sagte der junge Mann, den die Frau Baron nannte und lachte. „Deshalb, mein Herr, deshalb. Außerdem, weil Sie mir gefallen. Sagen Sie das eine, sind Sie kurzsichtig?“
Ja, er sei ein wenig kurzsichtig, entgegnete Grau höflich.
„Aha — deshalb. Deshalb sehen Sie einen so eigentümlich an. Wenn Sie nun nicht kurzsichtig wären, so wäre — aber Ihre Kurzsichtigkeit entschuldigt Sie, natürlich, haha — natürlich. Haben Sie schon den Trompeter von Säckingen gehört? Wie? Ja, wenn Sie ihn noch nicht gehört haben, sofort soll das Orchester antreten — sofort —“