In der Küche brummte der Lehrer — ha! sie pfeift auf dem letzten Loch, als hätte sie Lieb’ im Leibe. — Als hätte sie Lieb’ im Leibe, wiederholte er im tiefsten Baß.
Eisenhut versprach, Mütterchen eine Rente fürs ganze Leben auszusetzen. „Hier, er ist Zeuge, Grau, ich habe es gesagt, morgen gehen wir zum Notar.“
Susanna nickte, sie zog Eisenhuts Hand an die Lippen und küßte sie inbrünstig, wobei sie die Augen schloß.
„Ja, nun ist alles gut!“ sagte sie und nickte und lächelte. —
Die Freundinnen kamen und brachten große Sträuße von Blumen mit, süße Weine und Kuchen. Sie kamen herein, jung und frisch und duftend, mit roten Lippen und den Schein der Sonne in den Augen. Sie lächelten, sprachen mit gedämpfter Stimme, aber sobald sie ein paar Minuten da waren, sprachen sie laut und lachten und erzählten wie schön es heute sei, Spaziergänge, Tennis, Radpartien, eine Leiterwagenpartie sollte gemacht werden —
„Ja?“ Susanna lachte und hustete. „Viel Vergnügen,“ sagte sie und lachte wieder und hustete mehr. „Recht viel Vergnügen!“
„Oh, ich liebe euch, viel Vergnügen, ja!“
Adele und Grau sahen einander an und sie erröteten beide.
„Komme zu mir, Adele,“ sagte Susanna. „Laß mich dein Kleid befühlen. Wie fein ist der Stoff, so zart und dünn. Laß mich deine Haut befühlen. Wie fein ist deine Hand, Adele. Aber wenn ich in deine Hand blicke — siehst du, Adele, warum ist Unfriede in deiner Hand? Ich blicke in Richards Hand. So viel Friede ist darin. Nun, was bedeutet es schließlich und was schadet es? Nicht wahr? Großer Unfriede, das ist das Leben und großer Friede, das ist das Leben. Aber was dazwischen liegt, das ist nicht des Lebens wert. Aber vielleicht — wer weiß es denn! — vielleicht ist es auch schön, im Grase zu liegen, zufrieden zu sein und nur eine Kuh zu sein, etwa. Oder es ist auch schön, in einem Gefängnis zu sitzen und zu leben. Nur zu leben. Oh, wie du duftest! Oh, wie du duftest! Es ist die Luft, es ist der Frühling und so jung bist du, das ist es auch!“
„Liebe Freundinnen, meine lieben Freundinnen, ihr guten Herzen! Wißt ihr was schön ist? Es ist schön euch anzusehen. Es wäre schön, mit euch Arm in Arm zu gehen. Nun kommt der Sommer, dann der Herbst, und sie singen in den Weinbergen, dann kommt der Winter und sie spielen in hellen Zimmern und tanzen, dann kommt wieder der Frühling, der Sommer, der Herbst, der Winter, der Frühling wieder, und wieder singen sie in den Weinbergen: Und ihr werdet leben! Euer Leben wird schön sein, deines Maria und deines Klara und deines Adele! Ach, Adele, wenn ich dich so ansehe, dir wird es ja nicht so leicht werden, ich fühle es, aber euch allen wird es ja nicht so leicht werden, vielleicht wird euch einmal ein Kind sterben und ihr werdet euch in Schwarz kleiden und man wird nichts von euerm Kopfe sehen als schwarze Schleier. Schmerzen werdet ihr haben, ja, aber auch das ist ja das Leben, nicht? Nur wenn nichts geschieht, auch kein Schmerz mehr — das ist der Tod. Ja, euer Leben wird schön sein und ich wünsche es so. Und wenn ich es verhindern kann, daß euer Kindchen stirbt — wenn ich da etwas vermag — nichts soll mir zuviel sein — oh, ihr Guten — so schön wird es sein, wenn ein Mann euch liebt — ich weiß es ja wohl und auch Adele weiß es — seht, sie wird rot, seht es, nein sei nicht böse. Adele — schön wird es sein, all die Geheimnisse, wie schön — und euere Kinder! Denn sicher werdet ihr Kinder haben, werdet sie waschen, baden, küssen, werdet sie kleiden und schlafen legen, all das. Es wird regnen und das wird euch gefallen, die Sonne wird scheinen und ihr werdet froh sein im Herzen. Ihr werdet fortgehen, hinaus und viele neue Menschen sehen und neue Länder, Blumen und Sitten, Tiere. Ich hätte so gerne einmal einen Löwen gesehen, hatte nie Gelegenheit, einen Löwen! Alles werdet ihr sehen. Da wird ein großer, heller Saal sein und alle kommen in Festtagskleidern, auch ihr seid dabei. Ich wünsche es. Konzerte werdet ihr hören und Theaterstücke werdet ihr sehen, Bücher werdet ihr lesen, schöne und kluge Bücher — ja, möge es so sein, möge es so sein. Es geschehen so viele herrliche Dinge in der Welt, heldenhafte und poetische Dinge, ihr werdet davon hören. Ich wünsche es! Ich wünsche es! Möge es so sein!“