Susanna lächelte und winkte mit der Hand ab.
„Ich weiß es nun,“ sagte sie und lächelte, „ich weiß es nun ganz bestimmt. Mit der Reise nach dem Süden ist es nichts, ich habe auch nie recht daran geglaubt, es ist zu spät. Seit heute nacht weiß ich es. Ja, da erwachte ich und siehe da, wie schön waren doch die Sterne! Wie schön und ich mußte weinen, denn ich sah drei Sterne, die mir besonders gefielen, weil sie so friedlich zusammen da droben wandelten. Ich öffnete das Fenster und sah ein Kind im Garten stehen. Wie kommt das Kind hierher? dachte ich und wunderte mich nur, denn vor Kindern fürchtet man sich ja nie. Das Kind hatte lange Beine, dünne hübsche Beine, es war ein Mädchen von acht, neun Jahren. Das Kind hatte gekräuseltes Haar, lauter winzige Löckchen, silberblond. Es stand bei dem Rosenstock dort und hauchte auf die Knospen. Ich sah ihm zu und dachte, was tut es? Ich sog die Luft ein, da roch ich Erde, Tau, Pfefferminzkraut und den Flieder. Denkt euch, ich roch ihn so deutlich und freute mich so sehr, bald wird er blühen. Nun, das Kind stand und hauchte auf die Rosenknospe, auf die oberste des Stockes in der Ecke, dann kam es auf mich zu und ich sah, daß es wirklich silberblonde Löckchen hatte. Es sah mich an mit hellen Augen, lächelte und grüßte mich, indem es den Kopf neigte, so langsam und stolz wie ein Mädchen von acht Jahren es tut. Dann verschwand es und ich blickte hinauf zu den drei Sternen. Heute morgen sagte mir Mütterchen, daß eine Rose aufgeblüht sei. Ja, sagte ich, ohne hinzusehen, die oberste Rose des Stocks in der Ecke. Ja, sagte Mütterchen und sie wunderte sich gar nicht, woher ich es wußte.“
Susanna schwieg und lächelte.
„Wie sonderbar der Traum ist!“ sagte Maria zu Adele.
Susanna schüttelte den Kopf. „Es ist ja gar kein Traum, es ist ja Wirklichkeit,“ sagte sie, sonst nichts.
„Wir müssen jetzt gehen.“
„Adieu, adieu! lebt wohl, alles Herrliche wünsche ich euch, ihr lieben Menschen. Ja, so viel Glück sollt ihr haben! Und vergebt mir, wenn ich ungerecht und launisch war und gelogen habe. Vergib besonders du mir, Adele!“
„Ach, Susanna —“
„Doch, doch, ich beneidete euch, besonders Adele beneidete ich, weil sie reich und vornehm und schön ist. Ich wünschte in meinem Herzen, es möge euch recht schlecht gehen, eine Woche nur, einen Tag nur, damit ihr fühlt wie es ist. Oft, oft! Aber nun wünsche ich euch ja Glück! Hört ihr es denn nicht?“
Sie sah Adele tief an. „Du bist mir so fremd!“ sagte sie zögernd. „Und erst seit einigen Tagen verstehe ich dich besser, ich fühle es, du bist nicht glücklich. Du bist zu stolz, um glücklich zu sein. Dein Leben freut dich nicht, nein. Du gehst wie betäubt und mit geschlossenen Augen deiner Zukunft entgegen. Glück, Glück sollst du haben! Ich danke dir, daß du nicht zu stolz warst, zu mir armem kranken Mädchen zu kommen. Glück! Glück!“