Graus Seele füllte sich mit Heiterkeit. Er ging leicht und lautlos, er lächelte, und nie hatte er den Wald stärker gerochen. Er sah und hörte mit wacheren Sinnen. So schön war alles, solch feine Geräusche waren da drinnen in der Tiefe.
In seiner Seele begann es zu singen. Laß uns gehen durch die Wälder, laß uns wandeln in den Au’n! sang es in seiner Seele ganz von selbst. Er lachte leise und räusperte sich.
In seinem Kopfe wisperten die Gedanken — und sie flüsterten im Rhythmus der Schritte. Er wehrte ihnen nicht. Gib deinem Kinde Mondscheinnächte, flüsterten sie (weshalb sagten sie doch Kinde?), gib ihm Sonnenschein, Wald und Feld. Gib ihm den Anblick der Tiere. Es ist wichtig, wieviele Sonnentage es erlebte. Die Formen, die Farben, das Werk der Wurzeln, das Werk der Wipfel, sie bauen die Seele und machen sie reich. Von den Tieren lernt es Schönheit der Bewegung, Adel des Blickes, Fassung und Ruhe — ohne daß der Mensch es weiß — hahaha — der Mensch weiß ja nichts —
Er lachte leise. Wie merkwürdig das war! Er verlor alle Befangenheit und er fühlte wie seine Wangen vor Freude heiß wurden.
„Wie es duftet!“ begann er mit freier klarer Stimme. „Es riecht, als ob der Wald eine Pfanne voll Harz und Wurzeln wäre. So schön! Wie regungslos diese Fichten dastehen, nicht wahr? Und sehen Sie die Sterne, die durch die Wipfel blitzen? Da ist besonders ein großer, geschliffener Stern, der immer wieder auftaucht und im Walde umherleuchtet, als suche er etwas, etwa Sie. Eben wieder! Wie herrlich! Dann dieser Friede, bei Gott! Er durchdringt einen. Ich habe auch das Gefühl, als ob der Herr des Waldes in der Nähe wäre, der Geist des Waldes. Er schleicht neben uns her, belauscht uns, beobachtet uns, zuweilen glaubt man seine Augen sehen zu können, aber sobald man hinblickt, zieht er sich ins Dunkel zurück. Die Nacht ist wundervoll! Ja, diese Nacht ist so herrlich! Fühlen Sie? Sprechen Sie ein wenig, es ist so schön die Stimme einer Frau des Nachts im Walde zu hören. Ihre Stimme ist sehr schön und weich. Sie sprechen auch ein wenig eigentümlich, einen fremden Akzent —“
„Das ist gemacht,“ sagte Adele. „Ich liebe das Fremde!“ Sie lächelte und sah Grau an, dann blickte sie wieder zu Boden und fuhr fort: „Wie leid tut es mir nun doch, daß Sie auf dem Liederkranzball nicht in ein Gespräch mit dem Baron gekommen sind, Sie würden eine ganz andere Meinung von ihm bekommen haben. Er ist sehr gebildet und sehr klug und liebenswürdig. Freilich, er ist zumeist so müde, daß er nicht spricht. Er liebt das Herrische, er hat zwei schwere Duelle ausgefochten; wegen seines Armes konnte er ja nicht dienen, aber er ist trotzdem mit Leib und Seele Offizier. Ich liebe ebenfalls das Heldenhafte, Kampf und Krieg und was es auch sein mag. Das Leben aufs Spiel setzen, ein Leben unter Gefahr — ich liebe das! Der Baron ist ja nicht gerade schön, aber er sieht sehr gut aus, männlich sieht er aus, sogar etwas rauh. Aber so soll ein Mann aussehen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß er etwas altmodisch denkt, das ist der Einfluß seiner Familie, seiner Mutter und Tanten — er sagt zum Beispiel, der Mann gehört auf die Jagd und die Frau ins Boudoir, der Mann ist der Beschützer der Frau und betet sie an, die Frau habe nichts anderes zu tun als schön zu sein und ihn zu lieben und ihre Kinder zu erziehen. Nun, Sie sagen gar nichts, Herr Grau?“
„Ich habe kein Recht, mich zu äußern,“ antwortete Grau ausweichend.
„So müssen Sie es nicht auffassen, Herr Grau.“ Adele lachte leise. „Es ist ja gut, wenn wir uns aussprechen, nicht wahr? Vielleicht tun Sie dem Baron doch unrecht —“
„Ich habe ja gar keine Meinung über den Baron,“ entgegnete Grau, „ich kenne ihn ja gar nicht. Es handelt sich ja auch nicht darum, ich glaube nur —“
„Nun?“