„Unmöglich!“ Grau schüttelte den Kopf. „Ich habe darüber nachgedacht,“ sagte er nach einer Weile, „und die Ehe gehört zu jenen Dingen, die ich nie zu Ende denken kann. Es gehört ein beispielloser Mut oder ein großer Leichtsinn dazu, eine Ehe zu schließen. Ja, denken Sie sich: Die Ehe! Sie sind nicht mehr allein, Sie sind zu zweien. Sie haben zu jemandem gesagt, wir wollen bis zum Tode zusammen durchs Leben gehen! Sie sind plötzlich ein anderer Mensch geworden. Es ist als ob Sie immerfort einen vornehmen Gast im Hause hätten. Sie waren vielleicht gut genug, um allein zu sein, aber jetzt finden Sie, daß Sie sich bessern müssen, in jeder Beziehung, da Sie den Gast im Hause haben. Wenn Sie allein sind und Sie haben einen schlechten oder kleinlichen Gedanken, Sie sind allein, versuchen Sie mit sich selbst fertig zu werden — nun aber? Wenn er wüßte, daß Sie diesen niedrigen Gedanken haben, würde er nicht von Ihnen gehen? Beleidigen Sie ihn nicht durch den niedrigen Gedanken oder ein armseliges, kleinliches Gefühl. Sie müssen Ihre Gedanken und Gefühle veredeln, nun, da Sie den Gast im Hause haben, gleichsam geschmückt wie zu einem Feste muß allezeit Ihre Seele sein. Sie konnten früher nachlässig und träge sein, aber jetzt wäre es ja eine Kränkung Ihres Gastes, Sie müssen dreifach eifrig sein. Sie müssen den Gast bewirten mit guten Gedanken und großen Gefühlen, Sie müssen seiner würdig zu werden trachten. Das Leben ist lang und Sie müssen doch jeden, jeden Tag und jede, jede Stunde und jede, jede Minute mit einer festtäglich geschmückten Seele vor ihn hintreten. Und jeden, jeden Tag, der kommt, müssen Sie neu sein, erneuert, denn Sie dürfen ja nicht still stehen, was würde Ihr Gast dazu sagen? Keinen unschönen Gedanken, kein unschönes Gefühl dürfen Sie mehr haben, ja nicht einmal eine unschöne Gebärde — keine Müdigkeit, kein Sichgehenlassen — es ist ja schwer, es ist ja unendlich schwer und Sie müssen alle Ihre Kraft zusammennehmen, um vor Ihrem Gaste bestehen zu können, um seine Nachsicht zu verdienen.“
„Ich denke, es ist, als ob die beiden, die bis zum Tode durchs Leben zusammen wandern — als ob die beiden eine Kathedrale zusammen errichten wollten — eine herrliche stolze Kathedrale aus Schönheit und Reinheit. Von dem Tage an, da sie einander begegneten, beginnen sie zu bauen. Nur mit den schönsten und reinsten Gefühlen können sie die Kathedrale errichten. Die beiden sind vielleicht im Leben schon da und dort angestreift — aber die Kathedrale, die Idee ihrer Ehe, die können sie ja herrlich und groß errichten. Und die beiden haben vielleicht nicht das Recht, diese heilige Kathedrale zu betreten, die sie bauten und schmückten, nein, vielleicht ist die Kathedrale nur ein großes kühles Heiligtum über der Wiege ihres Kindes!“
„Ach, es ist ja so schwer, so schwer!“ fügte Grau kopfschüttelnd hinzu. „Und denen, die es wagen, denen soll man Glück und Ausdauer wünschen! Ja, man soll für sie beten. All die Tausende, die es nicht wagen oder nicht wagen können, die sollen für die wenigen beten, die es wagen. Weil es so schwer ist — und so herrlich, es zu unternehmen.“
Adele sah lächelnd auf den Weg. „Wie Sie es doch auffassen!“ sagte sie leise. „Und die Liebe? Wie denken Sie darüber?“
Sie wandte Grau ihre hellen Augen zu.
Grau lauschte. „Hören Sie das feine Sausen, das rings im Walde geht?“ sagte er. „Hören Sie es? Bald ist es ferne, bald ist es ganz nahe bei uns. Es macht alles zum Traume, daß wir hier gehen, ist es nicht wie ein Traum? Sind wir nicht wie ein Traum im dunkeln Haupte des Waldes? Ich lebe und bin reich, weil ich hier mit Ihnen gehen darf. Sie hören mir zu, wenn ich spreche, wenn ich in meinen dürftigen Worten auszudrücken versuche, was ich empfinde, wie ich es empfinde, so geduldig und aufmerksam hören Sie mir zu. Ich danke Ihnen dafür, Fräulein Adele. Ich bin Ihr Freund und das macht mich glücklich. Sie sagten vorhin, es freue Sie, wie glücklich mich das gemacht hat!“
„Sie fragen, wie ich über die Liebe denke? Lassen Sie mir Zeit. Sehen Sie wie das Licht überall glitzert, es hängt in Tropfen an den Zweigen, es klettert an den Bäumen empor, bis in die feinsten Nadeln! Wie schön ist das! Ja, ich sage — Sie singen ein Lied, und es gibt ja wundervolle Lieder — Sie singen es und mitten darin bricht Ihre Stimme — denn plötzlich fühlten Sie, wie schön das Lied ist. So ist die Liebe! Es gibt im Werke der Orgel eine Stimme, die die menschliche Stimme heißt, ein süßer, flötender, lebendiger Ton, der durch alle andern Töne dringt, über ihnen schwebt — das ist die Liebe. Ich will Ihnen gern sagen, wie ich darüber denke — denn es ist ja so schön zu sehen, wie Sie zuhören.“
Grau schwieg eine lange Zeit und sah sie an. Er hatte plötzlich den Mut zum Sprechen verloren. Adeles Miene hatte ihn betroffen gemacht. Sie blickte auf den Boden, ihr Antlitz war kühl, fast abweisend, sie lächelte leise, fast spöttisch.
„Nun?“ sagte Adele und sah auf.
Aber Grau schwieg und blickte sie an.