„Sprechen Sie doch!“ sagte Adele ungeduldig. „Sprechen Sie doch. Es ist schön Ihnen zuzuhören und ich möchte gern wissen wie Sie über dies und jenes denken.“

Er sah, daß sie an der Lippe nagte.

„Was ist Ihnen?“ sagte er. „Ich spreche ja gern, aber was ist Ihnen? Sie erscheinen bedrückt, ja, fremd erscheinen Sie mir. Wollten Sie doch glücklich sein? Aber Sie sind ja nicht glücklich!“

Adele lachte leise. Ja, mein Gott, was tue es? Was schade es im großen und ganzen, daß sie nicht glücklich sei? Sie rechne stets damit unglücklich zu sein und zu werden, es müsse so sein. Ja, wenn man ihr hier das Glück herlege und hier das Unglück —

„So werden Sie das Glück wählen!“ sagte Grau.

„Wirklich?“ Adele sah ihn an. „Nein, nein, ich werde es nicht tun. Ich werde das Unglück wählen, es liegt in meiner Natur. Und sobald ich etwas Glück in mir fühle, zerstöre ich es ja doch! Ich würde das Unglück wählen —“ sie hielt inne und fügte zögernd und leise hinzu: „Oder würde ich das Glück wählen?“

„Sie würden es wohl tun!“ sagte Grau. „Denn alle — wie wir leben — wir mögen uns noch so gleichgültig und trotzig gebärden, wenn wir allein sind, verzehrt sich unser Herz doch vor Sehnsucht nach dem Glücke. Nein, nein, Sie sind in einem Irrtum über sich selbst befangen, wenn Sie das glauben.“

Adele nickte. „Ich bin in einem Irrtum — in einem Irrtum über mich selbst befangen,“ sagte sie. „Vielleicht, vielleicht? Oft scheint es mir selbst so, Sie haben recht. Oft scheint es mir, als ob ich meine Vision vom Leben verloren hätte. Was früher für mich groß und schön war — wüßte ich es doch noch! Ich habe mit so vielen Menschen gesprochen, jeder sagte etwas andres und keiner das gleiche, ich habe so viele Bücher gelesen und gelesen und gesucht — jeder große Geist hat mich überzeugt und mitgerissen — nun weiß ich gar nichts mehr. Wer bin ich eigentlich und was bin ich? Oft habe ich Sehnsucht nach Ruhe, nach dem Vergessen und oft bin ich müde und ich möchte mich fallen lassen — wohin ich auch falle. Ja, oft hab’ ich ein Verlangen nach unten — denn da ist kein Kampf mehr, es ist verlockend zugrunde zu gehen und gar nichts mehr zu sein. Oft habe ich diesen Wunsch, es ist die Wahrheit, ach, Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzustarren und nicht den Kopf zu schütteln — ich kenne mich ja am besten. Wenn ich nun den Baron heirate, was schadet es? Zumal er mir ja sehr sympathisch ist. Sie können recht haben, es ist vielleicht nicht alles, wie es sein sollte und wie ich es mir wünsche, aber was schadet es, was liegt schließlich an mir? Nichts. Alle machen es so, denn alle werden nach und nach müde und geben sich auf und gehen nach unten. Vielleicht ist das ein Gesetz der menschlichen Natur? Ach, lassen Sie mich sprechen — ich liebe den Reichtum und der Baron ist reich. Ich habe unaussprechliche Furcht vor Armut und Dürftigkeit — grauenhafte Furcht und vor nichts habe ich solche Furcht wie davor, selbst vor dem Tode nicht. Ich liebe Bequemlichkeit, Luxus und Nichtstun. Ich bin ehrlich und sage Ihnen all das, es ist die volle Wahrheit. Oft denke ich an das Glück und an die Liebe — so fern ist es für mich — und ich denke, es ist nicht für mich, es liegt nicht in meiner Natur. Wenn ich eine junge Schwester hätte, die ich liebte, sie sollte es haben, das Glück und die Liebe, die Schönheiten des Lebens, sie und ich würde es mit ansehen. Für mich ist es ja nicht geschaffen. Ich höre Ihnen zu, ja, es lockt mich, aber ich glaube nicht daran, das ist es. Es ist alles so schön, zu schön, ich glaube nicht daran.“

Sie schwieg und brach einen Zweig in kleine Stücke. Die Stücke streute sie auf den Weg. Das letzte Stückchen wollte nicht brechen, sie bog es zwischen den Fingern, aber es brach nicht. Sie ließ es fallen.

Ihre Schritte glitten lautlos dahin, denn hier lagen Nadeln und der Weg war von Moos überwachsen.