Grau, Grau, der Glückliche! zwitscherten die Vögel. Er lauschte: Im ganzen weiten Walde zwitscherten Tausende von Vögeln: Grau, Grau, der Glückliche!

Die Sonne ging auf. Er sah sie kommen. Er lächelte. Feurige Wolken flogen im Osten herauf, Milliarden von Seelen standen auf den goldenen Wolken und winkten und fuhren dahin über die Erde. Das Gestirn erhob sich im Triumph. Da glänzte die Ebene, da glänzte die Welt.

Die Erde ist eine Freudenträne, die aus Gottes Auge fiel, dachte Grau und stand auf und badete sein Gesicht im Lichte.

Zwölftes Kapitel

Grau ging rasch und schwebend einher. Er hatte ein Gefühl, als sei seine Brust angefüllt mit Licht und blendender Helligkeit. Er spürte den Schein seiner Augen.

Alle Dinge kamen ihm verändert vor, schöner, verklärt, die Blumen leuchtender, die Haut der Kindergesichter heller, die Augen der Menschen strahlender. Als er durch seinen kleinen Garten schritt, der in der Frühsonne leuchtete, blieb er erstaunt stehen; er hatte ja nie zuvor gesehen, wie schön der kleine Garten eigentlich war. Alle Blumen schienen ihm zuzulächeln.

Er setzte sich augenblicklich nieder und schrieb fieberhaft einige Briefe. Ja, du guter Gott, was gab es doch alles zu tun! Verbindungen mußten angeknüpft werden, alles wollte ja vorbereitet sein. Er wollte arbeiten, arbeiten, Tag und Nacht wollte er arbeiten, es war ja eine Freude, eine Lust. Alles, alles mußte anders werden, sein ganzes Leben neu; keine Trägheit und Schlaffheit mehr, eifriger, reger, tätiger mußte er werden!

Dann hatte er eine Unterredung mit Eisenhut. Eisenhut verstand ihn nicht und fragte neugierig, aber Grau ließ sich nicht auf Erklärungen ein. Auf Eisenhut war in jedem Falle zu rechnen. „Danke, Eisenhut, Freund! Adieu!“

War es nicht sonderbar, daß heute alle Menschen lächelten? Da gingen sie dahin mit einem kleinen Glück im Herzen. Grau hatte Lust, ihre Hände zu erfassen, sie zu umarmen, er grüßte liebenswürdiger als je, sah ihn jemand an, so hatte er sofort ein freundliches Wort für ihn. Die Leute sahen ihm erstaunt ins Gesicht. Ein glückliches Lächeln lag auf seinen knabenhaften, roten Lippen, seine Augen leuchteten wie stille Feuer. Er hatte es sehr eilig und besuchte einen alten Tagelöhner, plauderte mit ihm, ermutigte ihn, dann sprach er mit einem Stadtrat, jenem Messerschmied Ulrich, dessen Bart Ähnlichkeit hatte mit einem Zopfe, um dem Tagelöhner einen Platz im Armenhaus zu verschaffen. Hierauf gab er zwei Stunden Unterricht in der Schule und als er damit fertig war, kaufte er für zwanzig Pfennig Kuchen und lud sich eigenmächtig bei der „ewigen Braut“ zum Kaffee ein. Er traf es günstig, Fräulein Sperling war in festlicher Stimmung. Auf dem Tische stand ein Strauß von Kornblumen, heute war der Geburtstag des Bräutigams. Sie plauderten und zuweilen lachten sie beide laut heraus. Fräulein Sperling legte den weißblonden Kopf auf die Seite und lächelte Grau kokett zu.

Immer noch stand die Sonne mitten am Himmel! Wollte denn dieser Tag kein Ende nehmen?