Er ging und ging und war immerzu unterwegs. Bald ging er in einem Eichenwalde, den die Sonne vergoldete, bald zwischen den Kornfeldern, die sich schwer neigten, wieder da genoß er die leise Musik und Erquickung eines Baches, der sich durch die Wiesen schlängelte. Freude erfüllte seine Brust. Er fühlte sich gesegnet, beschenkt, geschmückt. Zuweilen nahm er Adeles Billet aus der Tasche, las es, nickte und steckte es wieder sorgfältig ein.
„Ich darf ja nicht daran denken,“ sagte er und lachte und schüttelte den Kopf. „Es ist ja zuviel!“
Grau ging auf der Höhe, die der Sommer geschmückt hatte, es sang und klang im Tale, und er dachte an all das fröhliche Leben auf der grünen Erde. Wie es wimmelte! Überall wimmelte es, in den Städten, den Werkstätten, den Bahnhöfen, den Schiffen, den Bergwerken. Und zu denken, daß es immerzu lacht und singt auf der Erde! Da ist die Schule zu Ende, da ist eine Hochzeit, dort ist ein Bankett, ein Ball, diese Stadt hat geflaggt und in jener ist ein Feuerwerk. All die Freude, die jetzt in diesem Augenblick auf der Erde ist! Immerzu lacht und singt es auf der Erde, es lacht, kichert, jauchzt, jubelt. Und weshalb sollten die Menschen auch etwas anderes sein als die Vögel im Walde?
Grau stieg hinunter durch ein schmales sanftes Tal. Das Gras hier war saftig und vom tiefsten Grün. Er ging nach Hause und legte sich in seinem kühlen, dämmerigen Zimmer zur Ruhe nieder. Augenblicklich schlummerte er ein und obwohl er schlief, empfand er lange noch die Köstlichkeit seines Schlafes. Dann kam ein großer Tonkünstler in seinen Traum, der sich vor eine Orgel setzte und spielte. Grau saß in einem hohen Stuhle und hatte nichts zu tun als zuzuhören. Plötzlich brauste die Orgel: Auf, auf! Und er fuhr empor. Ja, es war Zeit, die Sonne war im Begriffe zu sinken.
Die Sonnte brannte noch auf seinem Rücken, als er zwischen Obstgärten und Weinpflanzungen empor zur Höhe stieg. Aus dem Walde hauchte Schwüle, Grau legte sich am Rande in das erfrischend duftende Gras, stützte den Kopf in die Hand und begann augenblicklich zu warten, obgleich er wußte, daß Adele erst kommen konnte, wenn es ganz dunkel war.
Die Sonne glühte in den sanften Höhenzügen im Westen, die gleichsam zerschmolzen und sandte breite Garben von rotem Feuer über die Ebene. Der Fluß brannte. Die Stadt unten sah aus als sei sie aus einem Berge von dunklem Golde gegraben. Der Glanz erlosch, die Wälder auf den Höhen erröteten. Im Tale stieg blauer Rauch auf wie von einem Schusse, aber er verging nicht mehr, er verteilte sich, wurde dichter und endlich erfüllte der Nebel das ganze Tal. Alle Farben erblaßten, in der Ferne blitzte ein kleines Feuer, das heller und heller flackerte. Nun war es plötzlich still geworden. In der Stadt läuteten die Glocken und dann war es lange ruhig, bis die erste Grille zu zirpen begann.
Am Himmel flimmerte ein kleiner Stern, dann tauchte der Abendstern auf, groß und feierlich, wie eine Fackel, die vor der Nacht einherschritt. Und jetzt kam die Nacht.
In der Dunkelheit, da und dort, sprühte geheimnisvolles Licht, aus der Stille kamen merkwürdige Stimmen und Laute, der Wald dehnte sich, ein warmer Strom von Wohlgerüchen zog daher, die Luft füllte sich mit Leben. Grau bekam wunderliche Besuche, kleine Milben, das Silber des Mondes auf den Schwingen, Käfer, Spinnen und Falter, fein wie ein Stückchen Seide, ein Eckchen Samt. Der Himmel war plötzlich übersät von Sternen, der Mond ging auf.
Die Sommernacht funkelte.
Wenn du das nicht fühlst? dachte Grau. Vielleicht ist es einerlei ob du gut oder schlecht bist, aber wenn du das nicht fühlst? Es gibt ja soviel Gutes, das Gute wächst ja immerzu, eine Schlechtigkeit kann es nicht schmälern und Gott wird dir vergeben. Er wird dich vielleicht wieder und wieder den Weg des Fleisches schicken, bis deine Seele edel und reif geworden ist, er wird vielleicht dem Trotzigen vergeben und dem Zweifler und seinem Feinde vielleicht, aber wenn du das nicht fühlst? Wenn du kalt bist und spottest, vielleicht hätte er dir eher die große Missetat vergeben.