Wie aber waren Graus Nächte?

Diese warmen, feierlichen, funkelnden Nächte, nie würde er sie vergessen können! Wenn er oben am Waldrand lag und zu dem gestirnten Himmel emporblickte. Sterne hier, Sterne dort, Sterne überall. Es war kein Platz am Himmel leer. Da schimmerten sie, die großen Sternbilder spannten sich gewaltig aus, eine aus flimmernden Sternen gefügte mächtige Brücke stieg herauf, stieg empor, verschwand in den dunkeln Tannen. Aber wenn man hinein blickte in eine Gruppe von Sternen, so entdeckte man zwischen den kleinsten Sternen abermals Sterne, feine Fünkchen, Stiche. Da leuchteten große Sterne, die man mit Ehrfurcht anblickte, kleine, die man lieben durfte. Sternschnuppen fielen, oft kurz, gleichsam entschlüpft und wieder erhascht, oft lange Streifen, die hinter dem Horizonte verschwanden.

Grau konnte stundenlang in die Sterne blicken. Sie entzückten ihn. Sie zogen ihn an. Sie winkten ihm. Verwunderung und Staunen überkam ihn, Furcht, Schrecken, Grauen, Freude. Wie die Ameise im großen Walde, so war er unter den Gestirnen. Er konnte wandern, Millionen Jahre und würde ihnen nicht näher kommen. Auf tausenden von Planeten saß in dieser Stunde ein ihm verwandtes Wesen und starrte und starrte in die Gestirne, schwindelig vor Entzücken und Grauen. Schrecklich ist es für den Menschen an den unendlichen Raum zu denken. Fernen, Entfernungen, Leere, kein Laut, von den unverständlichen Lichtsignalen zahlloser Sternenheere durchzuckt. Er taumelt, er möchte schreien und doch denkt er wieder und wieder daran. Vielleicht aber tönen da draußen Melodien, vielleicht ist der Raum nicht leer, sondern von Geistern erfüllt. Vielleicht ist er die Wohnung Gottes und plötzlich könnte den Menschen die furchtbare Frage treffen: Was wagst du es?

Schrecklich ist es für den Menschen, ein Punkt am Rande der Unendlichkeit zu sein.

Grau zitterte. Er regte sich lange nicht. Scheu erfüllte ihn. —

Alle Nächte waren verschieden und jede Nacht erlebte Grau anders, eine Nacht machte ihn reicher als die andre. Jede Nacht hatte ihr besonderes Schweigen, ihren besonderen Geruch, ihre besonderen kleinen Laute. Der Wald war in jeder Nacht ein anderer. Bald flüsterte er, bald schüttelte er sich, er konnte sein wie ein Mensch, der im Traume: Ja, ja! murmelt, wie ein junges Mädchen, das im Traume kichert. Und er konnte schweigen, so tief.

Zuweilen hörte man tief im Walde einen hohlen Ton, als ob ein Stein ins Wasser falle. Knistern, Laute. Jemand ging im Moos, ein Schritt glitt in der Dunkelheit? Sang es nicht tief drinnen im Walde?

In einer Nacht wimmelte die Luft von Milben und Faltern, in der nächsten da war kein Leben, eine Nacht war still, kein Blatt regte sich, in einer andern da koste ein leiser Wind vom Abend bis zum Morgen mit dem Grase wie mit einer Geliebten.

Die Stadt mit ihren buckligen Dächern und blinzelnden Lichtern erschien wie eine große warzige Kröte an der Edelsteine funkeln. Da lag sie und kroch an den Fluß um zu trinken. Oft war die Ebene wie schwarzer, weicher Sammet, aber im Mondschein konnte sie sein wie ein See mit kleinen wandernden Silberwellen.

Einmal entlud sich mitten in der Nacht ein Gewitter. Gespensterhafte Wolken flogen daher, die vom Himmel bis zur Erde herabhingen und die Dächer der Stadt zu streifen schienen. Sie waren tiefschwarz, aber plötzlich zerrissen sie und Grau sah in eine riesige Schmiede hinein, wo wütende Schmiede arbeiteten. Die Funken sprühten, die Hämmer dröhnten, die Bälge heulten. Die Wolken jagen über die Höhe und nun rieselten die Blitze gleichsam über den Wald und Grau stand inmitten von Feuer. Das liebte er. Das Gewitter war kurz aber es hatte in Grau ein großes Erstaunen zurückgelassen, so daß er lange nichts andres denken konnte.