Er wollte Mütterchen Adieu sagen und wählte den Weg durch den Wald, hoch über der Stadt. Er ging langsam und trotzdem schmerzte seine Brust und glühte seine Stirn.
Die Sonne schickte sich an zu sinken, sie war verborgen hinter einer langen Wolke, deren Ränder gleißten, der Himmel war weinrot. Das Tal schien schon leise zu schlummern. Aber da zerschmolz der untere Rand der Wolke und die Sonne flammte plötzlich hell auf. Das Tal funkelte und erwachte wieder, wie ein Kind, das nochmals lebhaft wird, wenn die Mutter mit dem Lichte durchs Zimmer geht.
Grau nahm den Hut ab, er strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und versuchte zu denken, das zu erfassen, was ihn so mächtig beschäftigte. Da stand er lange Zeit, die Brauen hoch gezogen, den Mund halb offen und starrte mit großen Augen in die sinkende Sonne. Endlich lachte er. Er lachte leise und fiebrisch und nickte. Unklare Gedanken zuckten durch seinen Kopf, daß das Tal da unten ein Altar sei, auf dem zur Ehre Gottes geopfert werde, daß die Menschen kleine wandernde Sonnenstäubchen seien und tausend Altäre bauten zur Ehre Gottes. Ach, er konnte ja nicht denken, aber er fühlte, daß etwas Herrliches in ihm war. Ihre Kunst, ihre Wissenschaft waren Altäre und sie opferten Tag und Nacht darauf.
Er sah sie wandern, zu Millionen, diese kleinen Sonnenstäubchen und opfern. Sie zerschmolzen, Königreiche und Völker und Rassen zerschmolzen, eine neue Rasse ging daraus hervor, eine herrliche Rasse. Neue Städte, neue Tempel, immer herrlicher und schöner. Ein Jubelbrausen künftiger Jahrtausende — Schönheit, Adel —
„Es ist ja alles gut, alles gut!“ sagte Grau und lachte. Er war nicht imstande zu denken, aber eine mächtige Freude durchströmte ihn. Er begann rasch den Weg hinab zu steigen und lachte immerzu vor sich hin.
So groß, so herrlich und unfaßbar schön war ja alles!
Auf der Brücke traf er einen Landstreicher, einen kleinen, alten Kerl mit rostroten Borsten auf dem Kopf und im Gesicht. Er war buchstäblich in Lumpen gehüllt. „Wohin geht die Reise?“ fragte Grau und gab ihm die Hand und lachte. „In die Stadt,“ antwortete der Vagabund, der nicht einmal ein Hemd an hatte, „ich will dort einen Herrn aufsuchen, den man mir empfohlen hat, einen Herrn Grau. Wissen Sie, wo er wohnt?“
Grau lächelte. „Er ist abgereist, heute!“ sagte er. „Aber was schadet es? Nehmen Sie, nehmen Sie!“ Er gab dem Landstreicher seinen Geldbeutel, sein Taschentuch, sein Messer. „Nehmen Sie, nehmen Sie! Es ist ja einerlei, daß er abgereist ist. Keinen Dank! Nehmen Sie! Haha!“ Er zog seinen Rock aus und warf ihn dem verdutzten Vagabunden in die Arme.
Dann lief er rasch davon in die Wiese hinein.
„Guten Tag, Mütterchen!“ rief er aus. „Ich komme um dir Adieu zu sagen. Da bin ich nun, siehst du?“