Mütterchen sah ihn zuerst teilnahmslos an, aber dann erstaunte sie, als sie gewahrte, daß er in Hemdärmeln gekommen war. Sie starrte ihn an. „Du gehst? Ja, wohin gehst du denn? Tritt ein!“
„Es geht fort, Mütterchen. Zu einem Gärtner, einem Freund von mir, ein seelenguter Mensch. Ich kann getrost zu ihm kommen, er schrieb es und er unterstrich getrost. Verstehst du, er unterstrich es! Da werde ich dann sitzen und die Blumen ansehen, er ist ja ein Gärtner, du begreifst wohl nicht, ein Gärtner ist er! Blumen, Treibhäuser — Er wartet auf mich. Morgen früh! Ein guter Mensch, Mütterchen, ich habe ihn im Gefängnis kennen gelernt. Verstehst du, er sah mich an und ich dachte, kein Mörder, nein! Er war verurteilt wegen Mords, aber es war ja nicht wahr. Ich wußte das sofort. Ich machte Eingaben, Eingaben, fortwährend Eingaben, der Prozeß wurde wieder aufgenommen — Lüge! Sein Schwager war es, er, sie machten ihn betrunken —“
„Ja, was ist dir denn?“ sagte Mütterchen erschrocken.
„Daher kennen wir uns. Er liebt mich und ich liebe ihn. Ich werde ihm nicht lästig fallen —“
„Warte!“ stotterte Mütterchen und ging in die Küche hinaus, um eine Erfrischung zu holen. Als sie zurückkehrte saß Grau im Sessel und schlief und flüsterte im Schlafe und lächelte. Eisenhut, der sein Gepäck zum Bahnhof gebracht hatte, kam und legte ihn zu Bett. Das Fieber brach heftig aus, es dauerte einige Wochen.
Sobald Grau aus dem Fieber erwachte, kehrte wieder der Ausdruck des Staunens in sein Gesicht zurück.
„Ich mache dir wohl viele Mühe, Mütterchen!“ flüsterte er. „Verzeihe!“
Nun lag er in Susannas Stube und sah durch das Fenster hinaus, bis zur Brücke, wo Susannas Pappeln standen. Zweimal im Tage kroch die gelbe Postkutsche über die kleine Brücke. Des Nachts schleppten sich die Güterzüge in der Ferne vorüber und der Expreßzug sauste jeden Nachmittag vorüber und sein Rauch hing lange in der Luft.
Häufig versuchte er aufzustehen; „Ich muß ja fort!“ sagte er. „Mein Gott, es gibt ja so viel zu tun!“ Aber seine Füße trugen ihn nicht. Dann lag er wieder ruhig und sah mit dem Ausdruck des Staunens vor sich hin.
Man mähte das Gras, es wuchs von neuem, man mähte es wieder, es verfaulte im Regen. Der Herbst kam.