Grau begab sich in den „weißen Elefanten“ und trug den roten Reisesack in seine Wohnung hinauf. Auf dem Wege begegnete er jenem Mann mit dem gelben Gesicht, der ihm im Friedhof aufgefallen war. Der Mann strich an den Häusern entlang, blieb stehen, als er Grau gewahrte und ging dann geradeswegs auf ihn zu, als ob er ihn ansprechen wolle. Aber er tat es nicht, er machte plötzlich einen Bogen, blinzelte und verzog die Lippen zu einem saueren Lächeln. Er griff an den Hut und Grau grüßte hastig und freundlich.
„Ein schöner Tag!“ sagte er lächelnd. „Nicht wahr?“
Der Mann aber machte nur ein verblüfftes, ernstes Gesicht, zwinkerte und strich sich die Haare aus der Stirn, er grüßte nicht. Wie sonderbar! dachte Grau und vergaß die Begegnung nicht wieder.
Nach einer Weile sah man Grau wieder die Staffeln herabkommen, einen lächerlichen kleinen Zylinder auf dem Kopfe, eine Liste in der Hand. Er ging rasch und schwebend. Er schritt über den Marktplatz und trat beim Uhrenhändler Lux ein. Hier sprach er lange. Dann erschien der Uhrenhändler Lux im Fenster, eine goldene Uhr in der Hand, er ritzte, prüfte, zwängte ein Glas ins Auge und drehte die Uhr hin und her. Darauf verließ Grau heiter den Laden und der Uhrenhändler verbeugte sich hinter ihm.
Grau ging in den „weißen Elefanten“ und beglich seine Rechnung. Der x-beinige mürrische Wirt bellte wie am Abend, aber er gab sich Mühe zu lächeln. Hätte er gewußt, wer der Herr sei, so würde er ihm ein besseres Zimmer gegeben haben. „Bitte, bitte, ich habe prächtig geschlafen!“ Der Wirt verbeugte sich vor Grau und Grau verbeugte sich vor dem Wirt. Die blonde Frau sah übernächtig aus. Grau betrachtete sie mit einem eigentümlichen Ausdruck der Augen, und ein fades Lächeln kam auf ihr Puppengesicht und in ihre wasserblauen Augen. Grau errötete und ging.
Nun konnte man Grau mit seinem kleinen Zylinder, die Liste in der Hand, die Straße hinab gehen sehen. Er verschwand in den Häusern, verhielt sich einige Zeit darin und erschien wieder auf der Straße, um im nächsten Hause zu verschwinden. Ganz wie ein Briefträger.
Was Grau in den Häusern tat, ist sehr einfach zu erklären. Er klopfte an die Türe, zog den Zylinder, stellte sich vor und rückte mit der Liste heraus.
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, diese arme, alte Frau, sie ist im höchsten Grade bedürftig, der Kummer macht sie auf einige Zeit erwerbsunfähig — dazu die Unkosten — Grau, Vikar Grau — dann ist ja auch das Kind da, verzeihen Sie die Störung, ich bitte tausendmal um Entschuldigung!“
Überall brachte er das gleiche vor. Die Leute räusperten sich, putzten sich die Nasen, kamen in Verlegenheit — denn Grau stand geduldig wartend da, blickte sich lächelnd im Zimmer um und verbeugte sich ab und zu ein wenig mit der Liste in der Hand — sie fuhren hastig in die Taschen und klapperten mit Schlüsseln. Hier und da waren aber diese Schlüssel absolut nicht zu finden, und sie sprangen umher, rannten gegen Türen und Wände, aber die Schlüssel waren ganz einfach fort. Man wird die Spende ins Pfarrhaus senden.
„Schön, schön! Ganz nach Belieben, gnädige Frau. Darf ich Sie vielleicht bitten, Namen und Betrag einzuzeichnen, hier in diese Liste, Bleifeder habe ich, bitte hier. Es ist der Ordnung halber und dann ermutigt es die andern Herrschaften — denn wo ein Sperling ist, da sind auch schon zwei, wo zwei sind, sind drei, wo drei sind, da sind auch gleich hundert, nicht wahr? Hier, erlauben Sie gütigst, ein ungenannt sein wollender Wohltäter hat auf einen Schlag zwanzig Mark gezeichnet, Herr Bürgermeister Stürmer zehn Mark, Frau Tierarzt Hammer fünf, Frau Rentamtmannswitwe Ulzhöfer eine Mark — wenn es auch nur eine Kleinigkeit ist — mit einem Tropfen kann man den Durst ja nicht löschen, aber in einer Ansammlung von Tropfen kann man recht schön ertrinken — danke, herzlichen Dank, gnädige Frau.“