„Vergessen Sie nicht zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, Herr Vikar!“

„Danke, auf keinen Fall! Ich danke Ihnen aufs herzlichste!“

Er kam in alle diese alten, krummen Häuser, in alle möglichen Stuben, zu allen möglichen Menschen. Jedes Haus roch anders, die Treppen knarrten anders. Die einen waren steil und dunkel und kletterten in eine Art von Turm hinauf, andere waren breit und licht, knarrten vornehm und führten auf weite, helle Vorplätze. Zuweilen stand man unvermutet dicht vor den Türen, es gab aber auch Treppen, auf denen man sich verirren konnte; sie liefen kreuz und quer, endeten im Boden oder führten auf einen Hof hinaus. All die Glocken, die Grau an diesem Tage läutete, hätten zusammen ein Konzert gegeben. Da waren schüchterne und anmaßende Glocken, gutgelaunte und mißgestimmte, winselnde und lachende, solche die knarrten und fauchten, bevor sie einen Ton herausstießen, andere, die bei der leisesten Berührung in ein übermäßiges Gebimmel ausbrachen, die einen beruhigten sich sofort wieder, die andern läuteten fleißig weiter; es gab freundliche Glocken, die sofort höflich sagten: Herein, herein! es gab ungastliche, die brummten: Geh weg, weg! Die Zimmer, in die Grau trat, waren weit und licht, oder düster, oder schmal wie ein Omnibus. Es gab eine Menge von interessanten Dingen zu sehen, eine Uhr aus Porzellan, einen Ofen, der merkwürdigerweise an der ungeschicktesten Stelle im Zimmer stand, dafür aber die zwölf Apostel auf den Kacheln zeigte, Schränke von unglaublicher Größe, förmliche Häuser, alte Waffen, Truhen, Zinnkannen, in jedem Zimmer wenigstens etwas.

Grau sah sich alles aufmerksam an und nichts entging ihm. In einem Hause rannten ihn zwei große Jagdhunde beinahe um, Kinder prügelten sich in einem andern und rollten ihm unter die Füße, das aber brachte ihn nicht aus der Fassung. „Bitte, bitte, ich bin ja der Eindringling, entschuldigen Sie — Grau, Vikar Grau.“ Er lächelte, verbeugte sich vor den jungen Mädchen, die steif wie Besen dastanden, vor den Männern und Frauen, den Dienstboten, ja vor den Hunden. An die Hausfrauen hatte er nach dem ersten Anliegen noch ein zweites. Nachdem er sie mit Worten, Entschuldigungsformeln, Redensarten und Sprichwörtern, die er selbst erfand, allen erdenklichen Liebenswürdigkeiten genügend bearbeitet hatte, um sie für sein erstes Anliegen günstig zu stimmen, rückte er noch mit einem andern heraus. Ja, nämlich, wo sie Eier, Butter und Schmalz bezögen? Es wäre am Platze, diese Eierhändlerin auch anderweitig zu unterstützen. — „Darf ich Ihre Adresse in dieses Notizbuch schreiben, wie? Die Frau wird sich erlauben, zu Ihnen zu kommen, ich habe alles mit ihr besprochen. Gut!“

Er hatte überall Erfolg. Die Leute waren anfangs ein wenig erstaunt, aber gegen so viel Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit konnten sie nicht aufkommen. Dann waren es auch Graus Augen, die sie alle ansehen mußten. Wie merkwürdig, dieser Mensch hatte goldene Augen. Auch seine Weise dazustehen, zu plaudern, zu lächeln, so unerhört herzlich, frei und fein — sie zeichneten!

Das Gerücht ging vor ihm her und er fand sie alle vorbereitet; die Türen waren entweder verschlossen oder sie öffneten sich sofort, als ob man dahinter gewartet habe. Fräulein Karola Sperling, die Modistin, die in der Stadt die „ewige Braut“ hieß, ließ ihn sogar durch ein Mädchen bitten, bei ihr vorzusprechen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen und hatte weißblondes Haar, ihre Manieren waren verschämt und kokett und doch war sie über fünfzig Jahre alt. Ihr weißblondes Haar war an den Schläfen schneeweiß. Sie hatte den Bräutigam im Kriege verloren und trauerte seitdem um ihn. Sie erzählte Grau ihre ganze Lebensgeschichte, ein trauriges Idyll; sie zeigte ihm auch das Bildnis des Bräutigams, eines Offiziers, während sie lächelte und eine Träne verbarg. Zuletzt zeichnete sie dreißig Pfennig, nicht ohne zu erröten. Grau dankte ihr aufs herzlichste und hätte ihr am liebsten die Hand geküßt.

Ein feister, glänzender Herr mit einer großen Zigarre im Munde, die das ganze Zimmer mit Rauch angefüllt hatte, wies ihn dagegen kurz ab. Er gab prinzipiell nichts.

„Wieso?“

„Ja, zum Teufel — Pardon! — aber ich bin ein Feind von all diesen Dingen, Almosengeben und Unterstützungen und so weiter,“ sagte er und paffte, so daß er nahezu in der Rauchwolke verschwand!

„Ah!“ sagte Grau schüchtern. „Ich bitte um Entschuldigung, wenn es brennt, so nimmt man Wasser und löscht und denkt nicht weiter. Man kann nicht weniger geben als Geld, mein Herr, glauben Sie mir. Ich habe einen Mann gekannt, der bei keinem Juden etwas kaufte, ja niemals mit einem Juden sprach — ebenfalls aus Prinzip! Was sagen Sie dazu? Hahaha! Aber könnten Sie nicht eine Ausnahme machen — diese unglückliche Eierhändlerin —“