Grau wollte ablehnen, aber der feiste Herr schüttelte erregt den Kopf und fuhr so energisch in die Zigarrenkiste, daß es aussah, als ob er Grau alle Zigarren auf einmal geben wollte. Je tiefer seine Hand aber in der Kiste wühlte, desto mehr mäßigte er seine Erregung und als er die Hand zurückzog, befanden sich nur vier Zigarren darin; er legte sie vor Grau auf den Tisch, merkwürdigerweise jedoch blieb eine Zigarre in seinen Fingern hängen und wanderte wieder in die Kiste zurück.
Grau dankte, nahm zwei Zigarren und ging. Der Herr begleitete ihn hinaus, bis ans Stiegenhaus, und verneigte sich laut lachend.
„Also, ich bitte nochmals um Entschuldigung, ich bin zuweilen sehr reizbar — hahaha — auf Wiedersehen, Herr Grau!“ Er lachte noch in das Stiegenhaus hinein, als Grau schon das Haus verlassen hatte.
Grau kam auch zu dem Schuhmachermeister mit dem aufgeblähten Hals. Hier mußte er eine Tasse Kaffee annehmen. Der Schuhmachermeister versprach, die Schuhe der alten Frau kostenfrei auszubessern, zu sohlen, zu flecken, auch eine Filzsohle wollte er hineinlegen. Übrigens bezog er Eier und Schmalz schon von ihr.
„Vergessen Sie ja nicht, zum Steinbruchbesitzer Eisenhut zu gehen, neben dem ‚Elefanten‘, das alte Haus — er ist der reichste Mann der Stadt!“
„Auf keinen Fall!“
Graus Liste wuchs. Es ging die Straßen links hinunter und rechts herauf. Er vergaß kein Haus. Auf diese Weise lernte er die ganze Stadt kennen; er machte die Bekanntschaft von vielen liebenswürdigen Menschen; viele Güte, die sich in einem Lächeln verriet, viel Stolz und Feinfühligkeit, die sich in einem Verstecken des Blickes offenbarte, ja, selbst Adel, den Grau in einer kleinen Bewegung der Hand entdecken konnte. Versteckte Schönheiten und viel Sehenswertes, so daß er sich für die geringe Mühe überreich belohnt fühlte. Seine Laune wurde noch besser. Endlich kam er zum x-ten Male auf den Marktplatz und ging auf Eisenhuts Haus zu.
Da lag dieses Haus, in dem der reichste Mann der Stadt wohnte, inmitten all dieser gepflegten, gestrichenen und mit Schnitzwerk und Erkern gezierten Häuser, grau, elend und verwahrlost. Ein kalter Hauch ging von ihm aus. Der Bewurf war an vielen Stellen herabgefallen und die nackte Mauer blickte hervor, es war geschwärzt von Ruß und lange, schmutzige Regenspuren liefen vom Dache bis zum Erdgeschoß herab wie Tränenspuren über ein altes, schmutziges Gesicht. Kinder hatten Gesichter an die Wand gemalt und unter einem riesigen Kopf mit spitziger Nase und zwei kleinen Augen auf der gleichen Seite des Gesichtes stand geschrieben: „Ich bin der Geizhals Eisenhut, bembele bembum —.“ Von der Türe war die Farbe gesprungen und sie sah fleckig aus wie ein Pilz und so staubig, als hinge der ganze Staub vom letzten Sommer daran.
Grau zog an einem Glockenring und eine Glocke im Hause bellte wie ein alter, heiserer Hund. Grau läutete drei-, viermal, die Glocke bellte und klaffte, aber niemand öffnete.
Vor dem Nachbarhause stand der Schlächtermeister Keim unter der Tür des Ladens, dick und wohlgenährt, eine Kappe auf dem Ohr. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und seinen Bauch erschütterte ein verhaltenes Lachen. Trotzdem es Winter war, glänzte er von all dem Fett, das er ausschwitzte, seine Schürze flatterte leicht und er erweckte durchaus nicht den Eindruck der Schwere trotz seiner Dicke. Er erinnerte an einen jener komischen Papierballone, die man zur Volksbelustigung an Jahrmärkten steigen läßt, und das Zittern des Bauches drückte gleichsam die Ungeduld des Ballons aus, in die Höhe zu segeln.