Die Frau des Hauses, eine Dame mit breiten Hüften, schmaler, fast zierlicher Büste, porzellanartigem Teint und viel äußerlicher Vornehmheit, empfing ihn mit übersprudelnder Herzlichkeit im Salon. Ihre Stimme bimmelte immerfort wie ein kleines helles Glöckchen, besonders hell, wenn sie lachte; sie konnte aber auch und zwar ganz unvermittelt, Teilnahme, Mitleid, Resignation, Ergebenheit, Schmerz, Trauer und sogar Verzweiflung ausdrücken, um gleich darauf wieder in Heiterkeit zu erklingen.
Frau Häberlein verheimlichte nicht, daß sie ein wenig verletzt sei, da Grau so spät erst zu ihr komme. Als Frau des Bezirksamtmannes spielte sie die Rolle einer Königin in der Stadt und jeder ankommende Beamte beeilte sich ihr augenblicklich unter tiefen Bücklingen seine Ergebenheit zu Füßen zu legen. Aber als Grau ihr mitteilte, daß er absichtlich zuletzt zu ihr gekommen wäre, um sich über das unglückliche Mädchen näher zu erkundigen, erklang das kleine Glöckchen ihrer Stimme um so lebhafter und heller. Mit Vergnügen!
Sie begann sofort eifrig zu sprechen, schien aber merkwürdigerweise Graus Anliegen zu vergessen. Sie sprach von ihrem Gatten, ihrem Vater — sie war von adeliger Abkunft — eine Menge Offiziere in bunten Uniformen und mit ordengeschmückter Brust tauchten auf, besonders ein General, ein Onkel von ihr, erfreute sich ihres Interesses, und schließlich wimmelte es in ihrem Gespräche von Herren und Damen wie in einem Ballsaal. Sie plauderte ohne Pause, mit vor Liebenswürdigkeit und Eifer glänzenden Augen, die sie nur gelegentlich von Grau abwandte, um sie einem schrägen Wandspiegel zuzuwenden, in dem sie sich selbst sprechen sehen konnte. Wie man einen Hasen mit Speck verziert, so war ihr Gespräch mit Worten und Zitaten aus allen lebenden und toten Sprachen gespickt.
Glücklicherweise mußte sie niesen und es gelang Grau ihr ins Wort zu fallen. Er erfuhr nun die näheren Umstände der Katastrophe, Einzelheiten aus dem Leben des Mädchens, nichts wesentlich Neues.
Ja, sie sei ein braves, ein sehr fleißiges Mädchen gewesen, ordentlich, reinlich, sparsam, ehrlich, frohsinnig — mit einem Wort — es sei sehr, sehr schade, daß sie so traurig enden mußte.
„Man sagt, ein Fleischergeselle soll der Vater ihres Kindes sein?“
Wie unangenehm ihr die ganze Angelegenheit sei — wie peinlich — bei all dem Bedauern mit dem armen Mädchen, natürlich — kein Mensch könne sich vorstellen — wie peinlich ihr die Angelegenheit sei. „Ja, so sagen die Leute, der Bursche aber leugnet es.“
„Er wollte wohl nichts mehr wissen von ihr?“
„Nicht eigentlich das. Er wartete oft stundenlang vor der Haustüre — Margarete klagte oft darüber — er belagerte das Haus, so daß ich meinen Gatten aufforderte es ihm zu untersagen.“
„In den letzten Monaten wartete er?“