Grau lächelte unmerklich.
„Ich habe schon mit ganz anderen Leuten gesprochen,“ sagte er leise und ließ den Burschen nicht aus den Augen, „mit Verbrechern und Mördern, aber sie konnten mir nicht auskommen, sie mußten die Wahrheit sagen. Und nun, haben Sie den Ring dem Mädchen gegeben? Sie wissen ja von welcher Bedeutung dieser Ring ist. Nun? Nein? Gut!“
Grau steckte den Ring wieder in die Westentasche, er lächelte und klopfte Hammerbacher auf die Schulter. Er fuhr in verändertem Tone fort: „Ich will Ihnen sagen, was ich denke, mein Freund. Wir brauchen kein Wort mehr über diese Angelegenheit zu sprechen. Ich habe das und jenes gesagt und gefragt um Sie zu prüfen, um ganz sicher zu gehen. Sie sind unschuldig, absolut unschuldig. Fräulein Sammet hätte sich ja auch nicht das Leben genommen, wenn Sie der Vater des Kindes wären. Es ist vielmehr so, irgend einer hat sie beschwätzt, einer aus einer höheren Schichte der Gesellschaft. Sie hat ihn geliebt, auch das weiß ich, ich sage Ihnen nicht, wieso ich es weiß. Und er, ein roher, ungebildeter Patron, hat das Mädchen auf dem Gewissen. Ich sah mir zum Beispiel auch Ihre Augen an, Herr Hammerbacher — aber das hat ja wenig zu sagen, ich könnte mich ja allein schon auf mein Gefühl verlassen. Ihre Nähe macht mich weder unruhig noch zweifelnd! Ich will Ihnen sagen, ich war früher Gefängnisprediger und Dutzende von Gefangenen haben mir geschworen, daß sie unschuldig seien. Sie haben geweint, sich fromm gestellt, wahnsinnig gestellt — man fühlt aber nur zu deutlich was Wahrheit und was Lüge ist. Aber hören Sie, unter diesen vielen Dutzenden war einer, der wirklich unschuldig war. Sein erster Blick sagte es mir! Er sollte zehn Jahre absitzen wegen eines Verbrechens, das er nicht beging — er ist nun frei. Doch, das alles gehört ja nicht hierher, ich will Ihnen nur sagen, daß von meiner Seite nicht der geringste Verdacht auf Sie fällt und daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht, um Ihre Ehre zu verteidigen!“
Der Bursche verzog den Mund und zeigte seine großen schaufelförmigen Zähne.
Grau stopfte die Pfeife und steckte sie in Brand. Er setzte sich Hammerbacher gegenüber und sagte in vertraulichem Tone: „Nun sollen Sie mir aber einiges erzählen. Sie wissen ja, ich bin erst wenige Tage hier und weder mit den Verhältnissen der Stadt noch mit den Menschen hier vertraut. Ich bin nun nicht gerade neugierig — aber ich habe meine Gründe — die Unterredung bleibt natürlich ganz unter uns. Das versprechen Sie mir. Wo hat Fräulein Sammet zuerst gedient?“
„Bei einem Wirt in Weinberg.“
Grau stellte einige Fragen. „Und hierauf?“
„Bei Herrn Eisenhut.“
„Gut. Was für ein Mann ist das doch, dieser Herr Eisenhut, der Steinbruchbesitzer? Ist er nicht eine Art Sonderling, es scheint mir so.“
Herr Eisenhut erfreute sich keineswegs eines guten Rufes. Trotzdem er zwölf große Steinbrüche besaß, war er sehr geizig. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit, Holz- und Kohlenstücke auf der Straße zu sammeln und seine Jagdtasche war stets gefüllt mit Tannenzapfen, wenn er von der Jagd zurückkehrte. Seine Dienstboten hielt er knapp und meistens besorgte er sein Hauswesen selbst, um Ausgaben zu ersparen. Man sagte ihm nach, daß sein Sinn für Reinlichkeit nicht besonders entwickelt sei. Zu all dem kam noch, daß er ein Trinker war und oft des Nachts auf allen Vieren nach Hause kroch; zuweilen war er auch am lichten Tage betrunken und taumelte durch die Straßen, gefolgt von einer Menge Kinder, die Spottverse sangen. Seine Furchtsamkeit war bekannt, er konnte zuweilen nachts mit einem Revolver in der Hand durch sein Haus streichen.