Wie merkwürdig, dachte er, wie merkwürdig! Und unwillkürlich wandte er sich nochmals nach dem Mädchen um. Nun fällt es mir ein, wo ich dieses Mädchen schon früher gesehen habe. Ich ging einst im Traume mit ihr über die Heide — damals unter dem Sternschnuppenregen. Es sind dieselben Augen und besonders ihre Art, den Kopf zu tragen — wie merkwürdig ist das Leben!
Er hörte kaum, was sein Begleiter sagte, obwohl er sich aus mehreren Gründen außerordentlich für ihn interessierte.
Zwölftes Kapitel
Der Mann mit dem gelben Gesichte und den Mausaugen begann sogleich zu sprechen; er sprach hastig und nahezu ohne Pause, bis sie das Häuschen erreicht hatten. Er kicherte und hüstelte, während er sprach, und er sah Grau immerzu mit seinen blinzelnden Augen an. Aber jedesmal, wenn Grau ihm den Blick zuwandte, tat er, als suche er etwas im Schnee. Er kicherte, auch als Grau einmal im Felde ausglitt.
Vorhin hatte er mit gezwungener Keckheit gesprochen, nun aber sprach er mit unterwürfiger, fast demütiger Stimme, nach der Art vieler Männer, die ihr Benehmen vollständig ändern, sobald sie die Gesellschaft von Frauen verlassen.
„Sie erlauben wohl, daß ich Sie begleite?“ begann er und lüftete den spitzen Hut. „Ja, ich habe gehört, auf welche Weise der Herr mit dem Lehrer zusammengetroffen sind, man hat es mir erzählt. Sie haben den Lehrer natürlich nicht gekannt, sonst wären Sie wohl etwas vorsichtiger gewesen. Ich muß Ihnen leider sagen, daß man sich mit den Leuten hier in acht nehmen muß. Sogar gebildete Herren, Ärzte, Professoren, sie versprechen Ihnen das Blaue vom Himmel herunter und halten — nichts. Man kann hier Geld zusetzen, du große Güte!“
„Kennen Sie Herrn Lenz?“ fragte Grau.
„Ja, und ob ich ihn kenne. Jedermann kennt ihn. Er kommt auch zuweilen zu mir, mitten in der Nacht kommt er angeschlichen. Er darf sich ja in der Stadt nicht blicken lassen.“
„Er darf sich in der Stadt nicht sehen lassen? Was heißt das?“
Der junge Mann zog einen kleinen Zigarrenstummel aus der Tasche und steckte ihn in Brand. „Er hat den Stadtverweis, mein Herr!“ sagte er vergnügt lächelnd und paffte. „Auch seine Familie, seine Frau, seine Tochter, niemand darf die Stadt betreten.“