„Ja — hähä — das ist mein Ernst!“
„Wie leid es mir tut, daß Sie sich so in meine Hände liefern, mein Herr!“ sagte der Lehrer. „Aufrichtig gestanden, ja! Wie niedrig Sie doch denken, Geld, Schulden und dergleichen Geschichten mit dem Begriffe Edelmann in Verbindung zu bringen? Edelmann, mein Herr, das ist Noblesse, Weltgefühl, Kraft, Genialität — Dinge, von denen Sie noch gar nichts gehört haben, nicht mehr als ein Hering vom süßen Wasser. Aber nun hören Sie: Ich bezahle nie, nie mit Geld. Ich bezahle mit Liebenswürdigkeit, Geist, Humor.“
„Bitte, bitte!“ heulte der Messerschmied und schüttelte die Hand.
„— eine Münze, die für Sie gar nicht existiert, leider. Ich habe die halbe Welt durchwandert, ohne zu bezahlen, Tatsache! Ich habe tausend Freunde in der Welt, Edelleute, Fürsten — ich bringe Glück und frohen Sinn in jedes Haus — man empfängt mich mit Freuden, man entläßt mich mit Tränen in den Augen — ich kann den ganzen Heine, Schiller, Goethe und Shakespeare auswendig, jede Szene, die die Herrschaften nur immer wünschen — wollen Sie eine Probe? — Nun, wollen Sie eine Probe — he! Und nun Sie, ein geborener Scherenschleifer, der alle Schaltjahre einen Gedanken hat, eine krankhaft zur Menschenähnlichkeit aufgeblähte Blase, ein alter Hanswurst, der dreißigtausend Siriusfernen abseits aller Kultur geboren ist —“
„Bitte, bitte!“ heulte der Messerschmied unaufhörlich und schüttelte die ausgestreckte Hand, daß seine Gummimanschetten rasselten. Alles lachte, weniger oder mehr ungeniert, je nachdem man in freundschaftlicher Beziehung zu dem Magistratsrat stand. Aus dem Lachen des Viehhändlers hörte man die aufrichtige Freude eines fetten Menschen heraus.
Der Lehrer aber stand ruhig wie ein Turm inmitten des Gelächters, mit seinem verwilderten schwarzen Kopf, seinem nußbraunen Gesicht, seinen kindlichen gütigen Augen, und deklamierte lächelnd und in aller Ruhe mit einer solch tiefen Stimme, wie man sie noch nie gehört hatte.
„Aha, ich sehe schon, Sie bestehen auf Bezahlung!“ sagte er endlich. „Ich habe nun zwar keinen Pfennig in der Tasche, arm wie eine nackte, junge Ratte bin ich — ich werde Sie trotzdem bezahlen, hier im Augenblick werde ich Sie bezahlen, in diese Hand, Sie sollen sehen, Sie kostbare Versteinerung, teuerste Essenz der bürgerlichen Gesellschaft, Aushängeschild der Krämergilde, Sie werden es erleben, daß ich Sie bezahle. Ehe Sie sich auch nur den Geruch Ihrer Lieblingsspeise vorstellen können, wird das Geld auf Ihrer Hand liegen. Es ist Ihnen doch einerlei, woher ich es nehme?“
„Bezahlen, bezahlen, Herr Edelmann!“
„Gut! Wieviel, sagten Sie? Neun Mark und fünfzig Pfennig, wenn ich richtig hörte, nicht wahr? Schön. Sofort. Ich habe zwar keinen Heller in der Tasche — aber sofort.“ Er wandte sich an die Anwesenden. „Wer ist so freundlich, mir sofort neun Mark fünfzig Pfennig zu schenken — zu schenken?“ fragte er und verneigte sich.
Gelächter. „Bitte, bitte!“ wiederholte der Messerschmied, der sich dem Siege nahe wußte.