Die rasende Italienerin aber schrie höhnend und gellend: „Ich habe die ersten Steine geworfen. Ich! Ich habe sie an die Stirn getroffen! Ja, hin mußten sie werden.“

„Ihn hättet ihr erschlagen sollen! Mac! Mac ist schuld! Aber seine Frau? Sie war ja ein so gutes Mädchen!“

„Erschlagt Mac!“ schrie die Italienerin, nach Luft ringend, im höchsten Diskant ihres schlechten Englisch. „Kill him! Schlagt ihn tot wie einen Hund!“

Das Haus lag verlassen in der elenden Dämmerung. Allan sah es an und wußte genug. Während er über den knirschenden Kiesweg des Vorgartens schritt, drängte sich ihm ein Erlebnis in den Sinn, das er vor Jahren, beim Bau der Bolivia-Anden-Bahn, gehabt hatte. Damals bewohnte er mit einem Freund eine Baracke zusammen und diesen Freund hatten Streikende erschossen. Er, Allan, kam ahnungslos von der Arbeit zurück, aber ganz rätselhafterweise machte die Baracke, in der der ermordete Freund lag, einen fremden, unerklärlich veränderten Eindruck auf ihn. Die gleiche Atmosphäre umlagerte sein Haus.

Im Vestibül roch es nach Karbol und Äther. Als er Ediths weißen kleinen Pelzmantel hängen sah, wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen und er wäre fast zusammengebrochen. Da hörte er eine Dienerin schluchzend rufen: „Der Herr — der Herr —!“ und bei dem Klang des Schmerzes und hilflosen Jammers dieser fremden Stimme faßte er sich wieder. Er trat in das halbfinstere Wohnzimmer, wo ihm ein Arzt entgegenkam.

„Herr Allan —!“

„Ich bin vorbereitet, Doktor,“ sagte Allan halblaut, aber mit solch ruhiger, alltäglicher Stimme, daß ihm der Arzt mit einem raschen Blick verwundert in die Augen sah. „Auch das Kind, Doktor?“

„Ich befürchte, es ist nicht zu retten. Die Lunge ist verletzt.“

Allan nickte stumm und ging zur Treppe. Es war ihm, als wirbele das helle klingende Gelächter seines kleinen Mädchens durch das Stiegenhaus. Oben stand eine Schwester, an Mauds Schlafzimmer, und gab Allan ein Zeichen.

Er trat ein. Es brannte nur eine Kerze im Zimmer. Maud lag auf dem Bett, langgestreckt, sonderbar flach, wächsern, starr. Ihr Antlitz war schön und friedevoll, aber es schien, als ob eine kleine, demütige und bescheidene Frage in ihren blutleeren Zügen stehen geblieben sei, ein leises Erstaunen auf ihren halb geöffneten fahlen Lippen. Der Spalt ihrer geschlossenen Augen glänzte feucht, wie von einer letzten kleinen Träne, die zerflossen war. Nie in seinem Leben vergaß Allan dieses feuchte Glänzen unter Mauds fahlen Lidern. Er weinte nicht, er schluchzte nicht, er saß mit offenem Mund neben ihrem letzten Lager und sah Maud an. Das Unbegreifliche hatte seine Seele gelähmt. Er dachte nichts. Aber die Gedanken gingen blaß und wirr in seinem Kopfe hin und her, er achtete ihrer nicht. Das war sie, seine kleine Madonna. Er hatte sie geliebt, er hatte sie aus Liebe geheiratet. Er hatte ihr, die aus einfachen Verhältnissen herauskam, ein glänzendes Leben geschaffen. Er hatte sie behütet und ihr täglich gesagt, auf die Automobile acht zu geben. Er hatte immer Angst um sie gehabt, ohne es ihr je zu sagen. Er hatte sie in den letzten Jahren vernachlässigt, weil ihn die Arbeit verschlang. Aber er hatte sie deshalb nicht weniger geliebt. Sein kleiner Narr, seine gute, süße Maud, das war sie nun. Verflucht sei Gott, wenn es einen gab, verflucht sei das hirnlose Schicksal!