Die europäische Hetzjagd ließ ihm zu nichts anderem Zeit. Aber er konnte es nicht übers Herz bringen, nach Amerika zurückzukehren, ohne seinen Vater besucht zu haben. Er gab ein dreitägiges Fest, an dem ganz Szentes teilnahm. Hier in seiner Heimat, in dem gleichen ungarischen Nest, in dem ihn eine arme Frau zur Welt gebracht hatte, sollten ihn die ersten beunruhigenden Telegramme einholen.

Einige seiner kleineren Spekulationen waren mißglückt, die Vorposten seiner Armee geschlagen. Das erste Telegramm schob er gleichmütig in seine weite amerikanische Hosentasche. Beim zweiten hörte er plötzlich die Sänger nicht mehr, als sei er für Momente taub geworden, und beim dritten ließ er anspannen und fuhr zur Station. Er hatte kein Auge für die in der Sonne röstende, wohlbekannte Landschaft, sein Auge sah in die Ferne, bis New York, in Mac Allans Gesicht!

In Budapest erwartete ihn eine neue Hiobsbotschaft: der Baumwollen-Corner war nicht länger ohne Riesenverluste zu halten und der Agent wollte wissen, ob er verkaufen solle. S. Woolf zögerte. Er schwankte, aber nicht aus Überlegung, sondern aus Unsicherheit. Vor drei Tagen noch hätte er Millionen an der Baumwolle gewonnen und doch hatte er keinen Ballen unter seinem Preis abgegeben. Warum? Er kannte die Baumwolle, denn er hatte drei Jahre nur in Baumwolle gearbeitet. Er kannte den Markt, Liverpool, Chikago, New York, Rotterdam, New Orleans — jeden einzelnen Broker — er kannte das Gesetz der Kurse, tauchte täglich in die Zahlenwälder der Börsen unter, er lauschte mit seinem feinen Ohr über die Welt und empfing täglich ungezählte drahtlose Telegramme, die durch die Luft gehen und die nur jene aufnehmen und entziffern können, die mit den Chiffern vertraut sind. Er war wie ein Seismograph, das die feinsten Erschütterungen und Beben aufzeichnet, und registrierte jede Schwankung des Marktes.

In Budapest nahm er den Expreß nach Paris und erst in Wien gab er dem Agenten in Liverpool Order zu verkaufen. Er verlor Blut dabei — es war eine aufgeflogene Festung! — aber er hatte plötzlich nicht mehr den Mut, alles zu riskieren.

Eine Stunde später schon bereute er diese Order, aber er konnte sich nicht entschließen, sie zu widerrufen. Zum erstenmal in seiner Tätigkeit mißtraute er seinem Instinkt.

Er fühlte sich matt, schlaff wie nach einer Orgie, ohne Entschluß und wartete auf etwas. Es kam ihm vor, als sei schwächendes Gift in sein Blut gekommen. Böse Ahnungen durchschauerten ihn und zuweilen hatte er leichtes Fieber. Er fiel in Halbschlaf, aber bald wachte er wieder auf. Er träumte, er spreche durch seinen Officeapparat mit den Vertretern der großen Städte und alle — einer nach dem andern — riefen ihm durch das Telephon zu, daß alles verloren sei. Er erwachte, als die Stimmen sich zu einem lamentierenden Unglückschor vereinigten. Aber was er gehört hatte, war nichts als das Schleifen des Zuges, der bei einer Kurve die Bremsen angeschlagen hatte. Er saß und starrte in die kalte Lampe an der Decke des Abteils. Dann nahm er sein Notizbuch zur Hand und begann zu rechnen. Während er rechnete, schlich sich eine Lähmung durch seine Füße und Arme und kroch auf das Herz zu: er wagte nicht, die Verluste in Liverpool mit nackten Zahlen hinzuschreiben.

‚Ich darf nicht verkaufen!‘ sagte er zu sich. ‚Ich will telegraphieren, sobald der Zug hält. Warum haben sie kein Telephon im Zug, diese Hinterwäldler? Wenn ich jetzt verkaufe, so bin ich tot, im Fall das Zinn nicht vierzig Prozent bringt und das ist unmöglich! Ich muß alles riskieren, das ist die letzte Möglichkeit!‘

Er sprach Ungarisch! Auch das war merkwürdig, denn gewöhnlich machte er seine Geschäfte in Englisch, die einzige Sprache, in der man über Geld richtig reden kann.

Als aber der Zug plötzlich stillstand, hielt ihn eine Lähmung auf dem Polster zurück. Er dachte daran, daß seine ganze Armee mit allen Reserven jetzt im Feuer stand. Und er glaubte nicht an diese Schlacht, nein! Sein Kopf war voller Zahlen. Wo er hinblickte standen Posten, sieben-, achtstellige. Zahlenstaffeln, Summen von enormer Länge. Diese Zahlen waren alle akkurat gedruckt, kalt, aus Eisen geschnitten. Diese Zahlen erschienen ganz von selbst, sie veränderten sich willkürlich, sie schwenkten eigenwillig von der Debet- zur Kreditseite über, oder sie verschwanden plötzlich, als seien sie erloschen. Ein verwirrendes Kaleidoskop, in dem Zahlen rasselten. Wie Schuppenpanzer klirrten sie nieder, winzig klein, oder sie glommen in gigantischer Größe einsam und düster drohend im öden schwarzen Raum. Sie setzten ihn in kalten Schweiß und er befürchtete, irrsinnig zu werden. So groß und grausam war ihre Wut, daß er in seiner Hilflosigkeit weinte.

Totgehetzt von Zahlen kam er in Paris an. Nach einigen Tagen erst fand er seine Ruhe einigermaßen zurück. Es ging ihm wie einem Mann, der ohne jedes Anzeichen von Krankheit plötzlich auf der Straße umsinkt und, obwohl nach einigen Stunden wieder hergestellt, doch nur mit Bangen an dieses Symptom von Verfall denkt.