„Der Tunnel verschlingt Woolf!“

„Woolf! Woolf! Woolf!“ Jedermann hatte hundertmal seinen 50 PS-Wagen den Broadway entlangrollen sehen, mit dem silbernen Drachen, der wie ein Ozeandampfer brummte. Jedermann kannte seinen zottigen Büffelschädel. S. Woolf war ein Teil von New York und nun war er tot! S. Woolf, der das größte Vermögen verwaltete, das je ein Mensch unter sich hatte! Die dem Syndikat günstig gesinnten Blätter schrieben: „Unglücksfall oder Selbstmord?“ Die feindlichen: „Erst Rasmussen! — Jetzt Woolf!!“

„Woolf, Woolf, Woolf!“ Die Zeitungsboys bellten den Namen hinaus und stießen Rauchwolken in die neblige Straße. Es hörte sich an wie das heisere Heulen von Wölfen, die ihre Beute zerfleischen.

Allan erfuhr Woolfs schrecklichen Tod fünf Minuten nach dem Vorfall. Ein Detektiv sprach ihn durchs Telephon.

Verstört, unfähig zu arbeiten ging er in seinem Arbeitsraum hin und her. Die Straßen waren angefüllt mit Nebel und nur die Wolkenkratzer ragten über das Nebelmeer hinaus, von der sinkenden Sonne düster beleuchtet. New York tobte und heulte in der Tiefe: der Skandal war im Gang! Erst nach geraumer Zeit war es ihm möglich, mit dem Chef des Pressebüros und dem interimistischen Leiter des finanziellen Ressorts beraten zu können. Die ganze Nacht hindurch verfolgte ihn der letzte Eindruck Woolfs, wie er leichenfarben, nach Atem ringend, im Sessel lag ...

„Es ist der Tunnel!“ sagte Allan zu sich. Er fühlte sich von Drohung und Unglück umringt und fröstelte. Er sah eine hoffnungslose Zeit kommen. „Nun wird es Jahre dauern —!“ dachte er und wanderte schlaflos auf und ab.

Der Tod Woolfs hielt Tausende in dieser Nacht wach. Als Rasmussen sich erschoß, war man nervös geworden, Woolfs Tod aber erschreckte die ganze Welt. Das Syndikat wankte! Alle großen Banken der Welt waren mit Milliarden am Tunnel beteiligt, die Industrie mit Milliarden, das Volk, bis herab zu den Zeitungsverkäufern, mit Milliarden. Die Erregung fieberte von San Franzisko bis Petersburg, von Sidney bis Kapstadt. Die Presse aller Kontinente schürte die Besorgnis. Die Papiere des Syndikats fielen nicht, sie stürzten! Woolfs Tod war der Beginn des „großen Erdbebens“.

Die einberufene Versammlung der Großaktionäre des Syndikats dauerte zwölf Stunden und glich einer erbitterten, höllischen Schlacht, in der sich früher besonnene Menschen zerfleischten. Das Syndikat hatte am 2. Januar Hunderte von Millionen Zinsen und Teilzahlungen zu entrichten, Riesensummen, für die keine genügende Deckung vorhanden war.

Die Versammlung veröffentlichte ein Communiqué, worin sie erklärte, daß die finanzielle Situation momentan wenig günstig sei, die Hoffnung einer Sanierung aber nicht von der Hand gewiesen werden könne. Dieses Communiqué enthielt in notdürftig verschleierter Form die ganze fatale Wahrheit.

Am nächsten Tage konnte man Zehn-Dollar-Shares für einen Dollar kaufen. Ein Heer von Privatpersonen, vor Jahren von der allgemeinen Spekulationswut fortgerissen, war ruiniert. Über ein Dutzend Opfer forderte dieser erste Tag. Die Banken wurden gestürmt. Nicht nur jene, deren hohe Beteiligung am Syndikat bekannt war, auch viele, die gar nichts damit zu tun hatten, wurden vom Morgen bis zum Abend belagert und die Kunden hoben ihre Einlagen ab. Eine ganze Reihe von Instituten sah sich gezwungen, die Schalter zu schließen, da die Barmittel erschöpft waren. Die Krise von 1907 war ein Scherz gegen diese. Einige kleine Bankhäuser krachten schon beim ersten Ansturm zusammen. Aber selbst die Großbanken erzitterten von unten bis oben in der Brandung, die gegen sie anlief. Vergebens versuchten sie die Öffentlichkeit durch Bekanntmachungen zu beruhigen. New York City-Bank, Morgan Co., Lloyd, American zahlten im Laufe von drei Tagen Summen von schwindelnder Höhe aus. Die Telegraphisten sanken um vor Erschöpfung. Die Bankpaläste waren die ganze Nacht taghell erleuchtet, Direktoren, Kassierer, Sekretäre kamen tagelang nicht aus den Kleidern. Das Geld wurde immer teurer. Hatte die Panik von 1907 den Zinsfuß für tägliches Geld auf 80 bis 130 Prozent getrieben, so kostete es heute 100 bis 180 Prozent! Es war zuweilen überhaupt unmöglich, tausend Dollar zu leihen. „New York City“ wurde von Gould gehalten, Lloyds Bank verteidigte sich selbst bis aufs Messer, American erhielt Unterstützungen von der Bank of London. Abgesehen von dieser Bank war kein Cent von europäischen Banken zu erhalten: diese Banken setzten sich selbst in fieberhafter Hast in Verteidigungszustand. An den Börsen von New York, Paris, London, Berlin, Wien trat eine beispiellose Deroute ein. Ein Heer von Firmen stellte die Zahlungen ein. Kein Tag verging ohne Bankerotte, kein Tag ohne Opfer. Woolfs Todesart wurde epidemisch, täglich warfen sich Ruinierte vor die Räder der Subway. Der Finanzkörper von fünf Erdteilen hatte eine klaffende Wunde erhalten und drohte sich zu verbluten. Handel, Verkehr, Industrie, die große Maschine der modernen Welt, die mit Milliarden geheizt wird und Milliarden ausspeit, schwang nur noch langsam und mühselig, so daß es den Anschein hatte, als werde sie plötzlich, jede Stunde, ganz stehen bleiben.