Der zweiunddreißigstöckige menschliche Bienenkorb aus Eisen und Beton roch von den Tresors im Souterrain bis hinauf zur Marconi-Station auf dem flachen Dach nach Schweiß und Arbeit. Seine achthundert Zellen wimmelten von Beamten, Clerks, Stenotypistinnen. Seine zwanzig Lifts schossen den ganzen Tag auf und ab. Es gab hier Paternosteraufzüge, in die man hineinsprang, während sie vorbeiflogen. Es gab Lifts, die nicht bis zum zehnten, zwanzigsten Stockwerk hielten, D-Lifts, es gab einen Lift, der bis zum obersten Stockwerk durchsauste. Kein einziger Quadratmeter der zweiunddreißig Etagen lag brach. Post, Telegraph, Kassen, Zentralen für Hochbau, Tiefbau, Kraftwerke, Städtebau, Maschinen, Schiffe, Eisen, Stahl, Zement, Holz. Bis spät in die Nacht hinein stand das Gebäude wie ein feenhaft beleuchteter Turm im bunten, klingenden Gewimmel des Broadway.
Über die ganze Breite der obersten vier Etagen spannte sich ein enormes, von Hobby entworfenes Reklametableau, das aus Tausenden von farbigen Glühlampen gebildet war. Eine Riesenkarte des atlantischen Ozeans, umrahmt von den Farben der stars and stripes. Der Atlantik blaue, ewig bebende Wellenlinien, links Nordamerika, rechts Europa mit den britischen Inseln, kompakte, blitzende Sternhaufen. Tunnel-City, Biskaya, Azora, Bermuda und Finisterra Klötze rubinfarbiger Lichter, die wie Scheinwerfer blenden. Auf dem Ozean, etwas näher zu Europa, ein Dampfer, getreu in Lichtern nachgeahmt. Dieser Dampfer aber kommt nicht von der Stelle. Unter den blauen Wellenlinien ist mit roten Lampen eine sanfte Kurve gezeichnet, die über die Bermudas und Azoren nach Spanien und Frankreich führt: der Tunnel. Durch den Tunnel aber jagen unaufhörlich feurige Züge zwischen den Kontinenten hin und her. Züge von sechs Waggons, in Abständen von fünf Sekunden! Ein Lichtnebel steigt aus dem glitzernden Tableau empor, das getragen wird von ruhigen, selbstbewußten, breiten, milchweißen Riesenlettern: Atlantik-Tunnel.
Je erregter die Luft um Allan fieberte, desto wohler fühlte er sich. Seine Laune war ausgezeichnet. Er sah stets heiß und angeregt aus, kräftiger und gesünder denn je. Sein Kopf saß noch freier auf den Schultern und diese Schultern waren noch breiter und stärker geworden. Seine Augen hatten den kindlichen, gutmütigen Ausdruck verloren, ihr Blick war bestimmt und gesammelt. Selbst sein Mund, früher zusammengepreßt, war erblüht, gesättigt von einem unmerklichen und undefinierbaren Lächeln. Er aß mit gesundem Appetit, schlief tief und traumlos und arbeitete — nicht überstürzt, aber gleichmäßig und ausdauernd.
Maud dagegen hatte eingebüßt an Glanz und Frische. Ihre Jugend war vorbei, sie war aus einem Mädchen eine Frau geworden. Ihre Wangen zeigten nicht mehr die alte frische Röte, sie waren etwas fahler und schmaler geworden, gespannt, aufmerksam, und ihre glatte Stirn war nachdenklich gefaltet.
Sie litt.
Im Februar und März hatte sie einige herrliche Wochen verlebt, die sie für Langeweile und Leere des Winters entschädigten. Sie war mit Mac auf den Bermudas, Azoren, und in Europa gewesen. Besonders während sie auf See waren, hatte sie Macs Gesellschaft fast den ganzen Tag über genießen können. Nach der Heimkehr aber war es ihr um so schwerer geworden, sich wieder in Bronx einzugewöhnen.
Mac war wochenlang unterwegs. Buffalo, Chikago, Pittsburg, Tunnel-City, Kraftwerke an der Küste. Er lebte in D-Zügen. In New York aber erwartete ihn schon wieder ein Berg von Arbeit.
Zwar kam er nun häufiger nach Bronx, wie er versprochen hatte, aber fast immer, und selbst an den Sonntagen, brachte er Arbeit mit, die keinen Aufschub erlaubte. Häufig kam er nur, um zu schlafen, zu baden, zu frühstücken, und wieder war er fort.
Im April stand die Sonne schon hoch am Himmel und einige Tage waren sogar drückend heiß. Maud promenierte mit Edith, die nun schon tapfer an ihrer Seite einhertrippelte, im Bronx-Park, der von modernder Erde und jungem Laub herrlich roch. Wie im vorigen Sommer stand sie wieder, mit Edith auf dem Arm, stundenlang vor dem Affenkäfig und lachte. Die kleine Edith ritt, rotglühend vor Vergnügen, auf einem zierlichen Shetlandpony, sie warfen den Bären, die mit aufgesperrten Rachen an den Gittern hockten, Brotstücke in die Mäuler, sie besuchten die Löwenbabys — so verging der Nachmittag. Zuweilen wagte sich Maud auch mit ihrem Kind in die lärmende, staubende City hinein; sie hatte das Bedürfnis, das Leben zu spüren. Gewöhnlich landete sie dann in den Anlagen der Battery, wo die Hochbahnzüge über den Köpfen der spielenden Kinder dahindonnern. Von dem ganzen endlosen New York liebte Maud diese Stelle am meisten.
Neben dem Aquarium standen Bänke und hier nahm Maud Platz und träumte über die Bai hinaus, während ihr Mädchen mit bunten Geschirren im Sand spielte und vor Anstrengung und Aufregung laut schnaufte. Die weißen Ferryboote pendelten unaufhörlich zwischen Hoboken, Ellis Island, Bedloes Island, Staaten-Island und New York-Brooklyn hin und her. Die milchige, weite Bai und der Hudson wimmelten von ihnen, oft konnte sie dreißig zur gleichen Zeit zählen. Auf allen bewegte sich ein weißer, doppelarmiger Hebel, dem Wagbalken einer Wage ähnlich, ohne Pause auf und ab. So sah es aus, als marschierten die Dampfer in Siebenmeilenstiefeln dahin. Die Central of New Jersey Ferry kam beladen mit Eisenbahnwagen vorüber, Tugs und kleine Zollboote schossen aufgeregt durch das Wasser. Fern im Sonnennebel stand die lichte Silhouette der Freiheitstatue, und es schien, als schwebe sie auf dem Wasser. Dahinter zog ein blauer Streifen, das war Staaten Island, schon kaum mehr zu sehen. Aus den Kaminen der Dampfer schoß ein weißer Dampfstrahl und nach einer Weile hörte man Tuten und Pfeifen. Die Bai war voller Stimmen, vom schrillsten Winseln der Tugs bis zum tiefen Brummen der Ozeandampfer, das die Luft weithin erschütterte. Unausgesetzt rasselten Ketten und in der Ferne wurde Eisen gehämmert. Der Lärm war so vielstimmig und mannigfaltig, daß er wie ein sonderbares Konzert wirkte und Träumereien und Nachdenklichkeit erzeugte.