Um die Meißner Uhr entbrannte wiederum ein äußerst heftiger Kampf. Wiederum war es der frühere Herrenreiter, der ein Duell auf Leben und Tod mit dem Agenten Wenzels ausfocht.
Die Uhr war ein herrliches Stück von großer Kostbarkeit, im Empirestil. Das Besondere an ihr war ein wundervolles Schlagwerk, und während das Duell zwischen den beiden am heftigsten tobte, begann dieses Schlagwerk plötzlich zu spielen. Es war ein Glockenspiel. Schon bei den ersten Tönen setzte das Duell zwischen den beiden aus, und es wurde vollkommen still im Saal. Hell, rein, in unirdischen Tönen erklang aus der Uhr der Choral: „Ein’ feste Burg ist unser Gott –“
Als die letzten Töne verklangen, hörte man eine Frauenstimme schluchzen. Alle Blicke wandten sich einer weißhaarigen Dame zu, die mitten im Saal saß und das Taschentuch vors Gesicht preßte.
Schon aber setzte der Auktionator die Versteigerung fort. Man hörte wiederum die beiden Stimmen der Kämpfer, und die quäkende, trockene Stimme des Maklers siegte abermals.
Gleich nachdem der Agent den Sieg davongetragen hatte, erhob sich die alte Dame und verließ, den Schleier über das Gesicht gezogen, in verschämter Haltung den Saal.
Wenzel winkte Stolpe zu sich heran. „Sehen Sie zu,“ sagte er zu seinem Adjutanten, „finden Sie heraus, wer diese alte Dame ist! Es interessiert mich zu wissen, ob sie in irgendeiner Beziehung zu dieser Meißner Uhr steht.“
„Sehr wohl,“ erwiderte Stolpe und klappte mit den Hacken. Für derartige Aufträge war er glänzend zu gebrauchen. Wenzel war kaum in sein Bureau zurückgekehrt, als Stolpe ihm Bericht erstattete.
„Diese alte Dame“, sagte er, „ist eine Freifrau von Griesbach, Witwe eines Landrats. Die Uhr stammt aus ihrem Besitz. Sie lebt im alten Westen am Matthäikirchplatz. Ihre Verhältnisse sind noch leidlich geordnet, aber sie scheint Geld zu brauchen.“
„Nun, dann will ich Ihnen was sagen, Stolpe. Sie werden Frau von Griesbach persönlich die Uhr überbringen. Sie werden ihr sagen, daß wir uns erlauben, ihr die Uhr zurückzugeben. Frau von Griesbach könne uns das Vorkaufsrecht einräumen für den Fall, daß sie sich später doch noch von der Uhr trennen will. Ganz unter uns gesagt,“ fügte Schellenberg hinzu, „so schön die Uhr ist, dieser sentimentale Choral würde mich krank machen. Ich würde das Spielwerk doch abstellen. Das aber brauchen Sie Frau von Griesbach nicht zu sagen.“
Stolpe entledigte sich seines Auftrages noch am gleichen Tage. Bei Schellenberg mußte alles rasch gehen, und Stolpe war schon einige Male, da er zur Nachlässigkeit neigte, Gefahr gelaufen, von Wenzel hinausgeworfen zu werden. Obwohl er nur eine Art Kammerdiener war, so fand er doch, daß er die angenehmste Beschäftigung habe, die man in diesem Berlin finden konnte. Keine Bureauarbeit, keine anstrengende Tätigkeit, keine besondere Verantwortung, fast den ganzen Tag im Auto unterwegs, in den Straßen voller Menschen. Und Schellenberg gab ihm ein hohes Gehalt. Wenzel war überhaupt ein Mann nach Stolpes Geschmack.