Nein, sie fühlte es nicht. Sie begriff es, ja, aber in ihrem Herzen gab es kein Echo mehr. Im Gegenteil, das kameradschaftliche Gefühl, das sie für ihn noch gehegt hatte, war vernichtet. Sie wurde augenblicklich kalt, feindselig. Sie wußte, daß er nicht schlecht war, nur ein schwacher Mensch. Aber es wäre ihr lieber gewesen, wenn er schlecht gewesen wäre. Sie verachtete ihn. „Du hast unsere Verabredung vergessen,“ sagte sie, um ihn zu ermahnen.

„Nicht ich habe vergessen,“ rief Katschinsky leidenschaftlich aus, „sondern du hast vergessen, Jenny!“ Und er fragte sie bebend, ob sie ihn nicht wenigstens ein bißchen lieben könne, damit sein Leben wieder Sinn erhalte.

Sie wich zurück. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise, aber mit einer kühlen, unbeirrbaren Stimme: „Du weißt es, ich liebe einen andern.“

„Liebst du ihn wahrhaftig?“

„Dreimal wahrhaftig!“

Katschinsky schüttelte verzweifelt, etwas theatralisch die Fäuste. „Dann ist alles ohne Hoffnung,“ sagte er.

Sie gingen still weiter und sprachen kein Wort mehr. In der Nähe des Hotels blieb Jenny stehen und sah Katschinsky mit klaren, forschenden Augen ins Gesicht. „Eines will ich dich noch fragen,“ sagte sie. „Es gibt boshafte Menschen. Man hat meinem Vater geschrieben, er möge ein Auge auf mich haben. Ich sei die Geliebte eines berüchtigten Abenteurers geworden.“ Jenny heischte Antwort.

Jede Spur von Farbe war aus Katschinskys Gesicht gewichen, selbst seine immer roten Lippen waren fahl geworden wie die eines Toten.

„Ich habe es getan,“ stammelte er. „Ich hatte es schon vergessen. Ich habe diesen Brief einmal in der Nacht geschrieben, als ich getrunken hatte. Ich erinnere mich nicht, ihn in den Kasten geworfen zu haben. Oh, wie niedrig!“ rief er aus und schlug die Hände vors Gesicht. „Ich wage nicht, dich zu bitten, mir auch dies zu verzeihen!“

Jenny sah zu Boden. Nach einer Weile erwiderte sie: „Auch dies will ich dir noch verzeihen.“