Sie streckte ihm die Hand hin. „Lebe wohl.“
Katschinsky nahm ihre Hand, ohne sie anzusehen.
„Eine Bitte habe ich noch,“ fügte Jenny hinzu. „Du hast an Schellenberg einen anonymen Brief geschrieben, worin du ihn vor einem gewissen Herrn K. warnst. Von wem sollte der Brief sonst sein? Tue es nicht wieder, du machst dich nur lächerlich!“
In ihrem Zimmer saß Jenny lange im Dunkeln. Sie zitterte am ganzen Körper. Sie wagte es nicht, Licht zu machen. Vielleicht steht er unten, sagte sie sich, und wartet? Er, jener andere, den ich liebe, wartet nicht, bis das Licht erlischt.
13
Die großen Holzscheite flammten und krachten im Kamin. Der Schein des Feuers blendete, und gespenstische Schatten zuckten durch den halbdunkeln Raum.
Wenzel sagte: „Sie sind eine seltene Frau, Jenny Florian! Sie wissen, daß ich alle Phrasen und übertriebenen Worte hasse. Ich habe mir eines Tages vorgenommen, immer zu sagen, was ich denke, oder ganz zu schweigen. Also können Sie mir getrost glauben, was ich Ihnen sage. Sie sind schön, und Sie wissen es. Aber Sie tun nicht, wie andere schöne Frauen, als ob es Ihr persönliches Verdienst sei und man Ihnen aus diesem Grunde Bewunderung zollen müsse. Sie nehmen Ihre Schönheit wie etwas, das Ihnen geliehen wurde. Sie sind klug, aber Sie vermeiden es, geistreich erscheinen zu wollen, nach Art der meisten Frauen. Sie halten sich gleich weit entfernt von der Geziertheit des Ausdrucks wie von der Lässigkeit. Sie haben mehr Talente als fünf Frauen zusammen, und doch sprechen Sie nie mit einer Silbe davon. Sie schweigen darüber, wie alle Leute, die sich ihrer Kräfte bewußt sind.“
Jenny hob den seidigglänzenden Scheitel. Ihre Augen blendeten wie die eines Tieres, in die ein Lichtschein fällt. Auf ihren Wangen und Lippen und Zähnen sprühten Funken. Ihr kleines, glühendes Ohr trank berauscht Wenzels Worte. Sie hörte Wenzels wahre Stimme so selten, auch wenn sie allein waren. In Gegenwart seiner Bekannten und Freunde aber verbarg er sich hinter einem burschikosen, derben Jargon, den sie verabscheute.
Jenny saß zu Wenzels Füßen auf einem Teppich, die Knie angezogen. Sie saß dicht am Feuer, das verwegen nach ihr züngelte. Heute mittag waren sie in dem kleinen Jagdschloß Hellbronnen angekommen. Die Herrlichkeit sollte drei Tage dauern.
„Es tut gut, ein bißchen verwöhnt zu werden!“ erwiderte Jenny. Wenn sie sprach, funkelten alle Vokale. Ihre Stimme war keusch, als schäme sie sich zu sprechen. Sie errötete, während sie sprach. „Sie sind ein Freund, ein guter Freund, und ich fühle mich wohl und sicher in Ihrer Nähe. Gibt es ein schöneres Gefühl für eine Frau? Sie sind viel zarter, als Sie ahnen lassen. Weshalb geben Sie sich oft so unempfindlich?“