Das Feuer knisterte und lohte. Über die geschwärzten Kaminwände kletterten eilige Funken.
Wenzel dachte lange nach. Dann erwiderte er, langsam den Kopf schüttelnd, die Stirn in Falten: „Fast hätten Sie mich verführt, etwas zu glauben, nur weil es angenehm ist, sich für besser zu halten, als man ist. Nein, Sie kennen mich nicht, Jenny Florian. Meine Gefühle sind verschüttet oder erloschen, wie Gefühle in einem bestimmten Alter und in gewissen Lebensverhältnissen vergehen. In Ihrer Nähe, so scheint es mir allerdings, erwacht manche Empfindung wieder, die ich lange nicht mehr kannte. Lieben Sie Gedichte?“
Jenny sah erstaunt auf.
Wenzel lachte. „Eine sonderbare Frage, nicht wahr? Ich würde es auch nicht wagen, sie in Berlin zu stellen. In meiner Jugend habe ich viele Gedichte gelesen, aber nur ein einziges behalten – mein Gedächtnis ist schlecht. Mein Bruder dagegen, Michael, er kann den halben Faust auswendig, er behält alles spielend. Und Sie, Jenny Florian? Sie müssen doch den ganzen Kopf vollgestopft haben mit solchen Dingen.“
Jenny bejahte. Sie habe ein sehr gutes Gedächtnis.
„Dann haben Sie wohl auch viele Gedichte im Kopf? Könnten Sie ein Gedicht sprechen, irgendeinen Vers? Ich möchte hören, wie Ihre Stimme dabei klingt.“
Ohne Zögern erhob sich Jenny, als habe ein Regisseur sie aufgerufen. Sie dachte kurz nach, dann faltete sie die Hände, indem sie die Spitzen der Finger gegeneinander legte. Und nun sprach sie, mit leiser, ganz monotoner, inniger Stimme ins Feuer hinein, die Augen halb geschlossen:
„O gib, vom weichen Pfühle
Träumend, ein halb Gehör!
Bei meinem Saitenspiele