Schlafe! Was willst du mehr?“
Sie hatte geendet. Eine Weile stand sie still, dann ließ sie die Hände sinken. „Ist es schön?“ fragte sie, wie aus tiefem Schlaf aufgewacht.
„Es ist schön, und Sie haben es sehr schön gesprochen. Diesen Vers hatte ich vergessen. Aber, wie kamen wir eigentlich auf dieses merkwürdige und unzeitgemäße Thema, sagen Sie doch? Ja, richtig, nun fällt es mir ein. Ich sprach von einem Gedicht, dem einzigen, das ich behalten habe. Auch das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur einen Vers davon behalten, und selbst ihn könnte ich vielleicht nicht fehlerlos zitieren. Dieses Gedicht ist für mich das schönste Gedicht, das es in unserer Sprache gibt. Ja, vielleicht ist es das schönste Gedicht, das je ein Dichter auf dieser Erde schrieb, weil es das schlichteste, zarteste und wahrste ist. Es ist Heines ‚Du bist wie eine Blume‘. Sie staunen, daß ich, gerade ich dies sage? Nun, Sie haben recht, nur ein ganz gläubiger Mensch darf dieses Gedicht aussprechen – also will ich nicht fortfahren. Aber, um zur Hauptsache zu kommen. Ein ähnliches Empfinden wie jenes, das Heine in seinem Gedicht ausdrückt – ein ähnliches natürlich nur! –, habe ich oft, wenn ich Sie ansehe, Jenny Florian. Verzeihen Sie mir, ich schäme mich jetzt schon dieser Trivialität.“
Darauf erwiderte Jenny nichts. Sie senkte den Scheitel tiefer und schwieg.
Und Wenzel fuhr fort: „Mißverstehen Sie mich nicht! Zwei Dinge hasse ich mehr als alles auf der Welt, Hysterie und Sentimentalität. Die hysterischen Menschen – es gibt vielleicht mehr hysterische Männer als Frauen – müßte man totschlagen und die sentimentalen – nun sagen wir, ertränken.“
Jenny lachte auf. „Sie machen ganze Arbeit, Schellenberg!“ rief sie aus; aber doch war ein versteckter Schrecken in ihren Augen. Welch ungeheure Verachtung klang aus Wenzels Stimme.
„Unsere Zeit braucht Fäuste – etwas rücksichtslose Fäuste, die zupacken,“ fuhr Wenzel fort. „Gefühle sind der Luxus einer reichen Epoche, einer Epoche ohne Schulden. Ich spreche ganz offen. Ich möchte nicht in den Verdacht kommen, mich einer Sentimentalität überlassen zu haben, als ich von Heines Versen sprach und Sie bat, ein Gedicht zu sprechen. Nein – das ist etwas ganz anderes. Ich möchte auch nicht in den Verdacht kommen, Ihnen etwas vorzumachen. Ihnen etwa vorzumachen, daß ich Sie liebe. Oh, nein. Ich gestehe offen – verzeihen Sie diesen banalen Ausdruck –, Sie ‚gefallen‘ mir – aber das ist noch lange nicht Liebe. Vielleicht bin ich auch in Sie verliebt? Aber, wer wäre in seinem Leben nicht öfter verliebt gewesen? Vielleicht ist dies das normale Empfinden? Liebe? Ich weiß nicht, ob ich lieben kann. Ich weiß nicht, ob ich einen anderen Menschen lieben kann als mich selbst. Ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt möglich ist, einen andern Menschen zu lieben als sich selbst. Es scheint mir, daß hier viel Geflunker vorliegt – bei den Dichtern. Denn Liebe ist ja keine Wissenschaft und kann nicht chemisch analysiert werden. Es ist aber keine Lüge, wenn ich Ihnen sage, Jenny Florian, daß Sie mir sympathischer sind als alle Frauen, die ich kenne. Aber ich weiß nicht, ob Ihnen das genügt, was man Sympathie nennt?“
Jenny nickte. „Es ist viel,“ erwiderte sie leise. „Es wird mehr werden,“ fügte sie noch leiser hinzu.
„Nun, dann gut, Jenny Florian, dann wollen wir Freunde werden. Aber da ich es nicht liebe, einen Menschen zu täuschen, so will ich dir meine Bedingungen nicht verschweigen.“
Groß und klar wie eine Quelle, kristallen lagen die Augen Jennys unter ihm. Er mußte an Bäche denken, die er als Knabe gesehen hatte. Auf Klein-Lücke gab es einen solchen klaren Bach. Weshalb sieht man später nie mehr diese Klarheit des Wassers?