Und er fuhr fort: „Ich verlange volle Freiheit für mich, denn ich brauche die Freiheit. Ich kann in einer anderen Luft nicht leben, so bin ich. Aber ich gewähre dir, hörst du, nicht die geringste Freiheit! Ich weiß, daß es Narren gibt, die von einer Gleichstellung der Frau sprechen. Es sind armselige Narren, die die Frauen nicht kannten, die in ihrem Leben vielleicht nur eine oder zwei Frauen besaßen. Es sind Lügner. Ich gehöre nicht zu jener Klasse modern denkender Männer. Ich bin ein ganz altmodischer Mensch, in dieser Beziehung wenigstens, und keineswegs geneigt, mich in meinen Ansichten beirren zu lassen. Dabei bin ich nicht kleinlich. Ein Flirt, ein Kuß – aber nicht mehr, mehr dulde ich nicht. So also lauten meine Bedingungen, Jenny. Nun sollst du mir antworten.“
Jenny lächelte mit glänzenden Augen. „Ich nehme alles an, Wenzel. Ich kapituliere.“
„Um wahr zu sein,“ sagte Wenzel weiter, „ich finde, daß es falsch ist, diese Dinge, die Beziehungen zwischen Mann und Frau, so furchtbar ernst zu nehmen. Ich finde, der Sinn des Lebens besteht darin, soviel Genuß aus dem Leben zu holen, als möglich ist. Die Menschen aber scheinen alle bemüht zu sein, sich gegenseitig so wenig Genuß wie möglich zu gönnen.“
Jenny verstand nicht. Irgend etwas beunruhigte sie. Aber schon fuhr Wenzel fort: „Was also würdest du tun, Jenny Florian, wenn du mich liebtest – zuviel gesagt –, wenn ich dir sympathisch wäre?“
Darauf antwortete Jenny, ohne zu zögern: „Frage, was würde ich nicht tun?“
So also wurde Jenny Florian Schellenbergs Geliebte.
Ja, nun hatte das Leben allerdings ein anderes Gesicht bekommen.
Jenny ging auf der Straße mit gespitzten Lippen. Sie pfiff wie ein Vögelchen. Immer schien die Sonne zu scheinen, auch wenn es regnete. Wenn die Sonne aber schien, so schwamm Jenny im Licht. Alle Menschen, sonst so griesgrämig und unhöflich, schienen sich zu bemühen, ihr Artigkeiten, Schmeicheleien zu sagen. Es gab plötzlich nur reizende, liebenswürdige Menschen, die sie mit Freundlichkeiten überhäuften. Jenny selbst war hilfreich, gütig, gefällig. Sie funkelte vor Glück, wie ein Diamant funkelt, in den das Licht fällt.
Eines Tages fuhr Wenzel sie hinaus nach Dahlem. Er zeigte ihr die Villa, die er hatte bauen lassen und die ihm zu klein geworden war, während er baute. Er nannte diese Villa, auf die Form des Hauses anspielend, die „Hutschachtel“. Das Haus, bis auf Kleinigkeiten fertig, war in einem modernen Barock erbaut von Kaufherr, dem begabtesten Architekten Berlins. Maler und Handwerker schabten, bürsteten und strichen, und es roch nach Farbe, Gips und frischgehobeltem Holz. In einigen Zimmern waren schon die Tapeten gespannt. Da und dort standen schon Möbel. In einigen Wochen konnte die Villa bezogen werden. Das Badezimmer aus rosigem Marmor entzückte Jenny.
„Wie gefällt dir die Hutschachtel?“ fragte Wenzel.