Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert aufgriff. „Ja, fliegen wir, Papa!“ rief sie aus.
Raucheisen aber schüttelte den Kopf. „Ich bin zu alt,“ erwiderte er. „Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht überwunden.“
Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar schienen.
„Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,“ sagte er. „Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen. In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir müssen Mut haben.“
Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.
„Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,“ entgegnete Raucheisen. „Ihre Augen sind jünger.“ Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. „Wir sehen uns noch, Herr Schellenberg,“ sagte er, indem er sich verabschiedete. „Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.“
Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.
6
Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen.
Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken.