„Ich habe heute eine große Bitte an Sie,“ sagte sie, als er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich und etwas abwesend. „Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch aussprechen.“
„Ich stehe Ihnen zur Verfügung,“ erwiderte Wenzel verwundert und blickte ihr in die Augen.
„Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?“
Wenzel runzelte die Stirn. „Weshalb?“ sagte er, bereit sich zu erheben. „Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.“
„Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?“
„Sie werden es bereuen,“ erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.
Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete.
„Gehen Sie,“ sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen breitete.
„Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?“ entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.
Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.