„Du sollst mir helfen, Michael!“ flehte sie. „Ich ertrage es nicht länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder nicht anvertrauen kann?“

Michael sah sie mit einem klaren Blick an. „Ich will nichts fragen,“ sagte er nach einigem Nachdenken. „Es sind deine Privatsachen, die mich nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten sprechen und zu vermitteln suchen.“

„Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris. Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!“ rief Lise aus.

Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein. Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.

Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra Schellenberg zu erinnern.

„Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,“ sagte er endlich, ohne jede Vorbereitung.

„Beobachtet? Von wem?“ Lise erbleichte.

„Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang unter genauer Beobachtung standen.“

„Das ist eine Infamie!“

„Es ist nicht schön, gewiß nicht,“ antwortete Davidsohn und schüttelte den Kopf. „Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera. Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu, gnädige Frau?“