„Verkehrte sie auch hier, in diesem Lokal?“ fragte Georg, bemüht, sein Erstaunen zu verbergen.

„Ja, gewiß. Sie verdarb niemand den Spaß, lachte, scherzte, erzählte Schnurren. Ein feines wildes Kerlchen. Sie wollte ja zum Theater gehen. Sie erzählte immer Großes von einer Schauspielerin, die einen Millionär zum Freund hatte. Mit ihr zusammen wollte sie zum Theater gehen. Oder zum Kino.“

Das sind alles Phantasien, dachte Georg. Er ist ja betrunken. „Auch Sie wissen nicht, wo Christine hingezogen ist?“ fragte er.

Der Schlosser kniff wieder das beschmierte Gesicht nachdenklich zusammen. Es sah aus, als begänne er zu weinen. „Lassen Sie mich nachdenken, mein Herr,“ antwortete er. „Mir scheint – eines Tages verschwand sie – ich weiß es nicht. Lassen Sie mich nur nachdenken.“

Abermals brachte der Wirt zwei neue Gläschen Kognak.

„Tun Sie mir Bescheid, mein Herr,“ drang der Schlosser in Georg. „Sind Sie Künstler? Christine erzählte immer, daß sie mit Künstlern verkehre. Auf Ihre Gesundheit! He, du, Anton,“ wandte er sich plötzlich an den Wirt. „Ob man es wohl riskieren kann? Sie liegt da hinten, und die Tür steht offen. Sie trägt noch den Ring an der Hand. Hier in diesem Hause lebt solch ein Gesindel, das vor nichts Respekt hat. Hier in dieser Stadt ist alles möglich, mein Herr. Ich kannte einmal einen verflixten Burschen, der erzählte mir, er brach in einer Villa im Grunewald ein, und plötzlich, was sieht er: einen toten Juden, der aufgebahrt liegt. Aber das hat ihn nicht abgehalten, das ganze Silber auszuräumen. Sehen Sie, mein Herr, solche Menschen gibt es hier.

Und nun will ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen,“ fuhr er berauscht fort, rückte näher und legte die schwere Hand auf Georgs Arm. „Hören Sie, noch eine Geschichte, und eine so merkwürdige Geschichte, wie Sie sie noch nicht gehört haben werden. So etwas lesen Sie nicht einmal in der Zeitung.

Sehen Sie, junger Herr, ich bin heute nicht mehr der jüngste, aber vor zwanzig Jahren, da hätten Sie mich kennen sollen. Da war ich ein toller Kerl. Ich hatte da ein Mädchen, sie hieß Mariechen. Sie hatte Augen wie ein Reh, so groß und sanft. Und sie war zart und schlank, nur so groß, sehen Sie, kaum so groß wie eine Konfirmandin. Aber wie die Frauen so sind, sie wollte Schuhe aus Lackleder, dann wünschte sie sich Schuhe mit grauem Einsatz, und wenn sie die Schuhe mit grauem Einsatz hatte, dann wünschte sie sich Knopfstiefelchen. Und so ging es immer fort. Und wie es mit den Schuhen war, so war es auch mit den Hüten. Ich arbeitete damals in einer Fabrik in Weißensee, und mein Lohn reichte nicht aus, alle die Schuhe und Hüte und Kleider zu kaufen, die Mariechen sich wünschte. Wenn ich sie aber nicht kaufte, dann ging Mariechen zu einem andern, denn die Männer liefen alle hinter ihr her.

Nun hören Sie aber weiter,“ fuhr Rusch fort, „hören Sie weiter, und Sie werden staunen. In der Fabrik arbeitete ein Kollege. Er war ein einfacher Schlosser, aber wenn er am Sonntag ausging, so konnten Sie glauben, er sei ein Baron. Wie er das machte, das war unbegreiflich. Er hieß Roth.

Eines Tages nun kam dieser Roth zu mir und sagte: Höre, Rusch, willst du viel Geld verdienen? Ich sagte, warum nicht, denn Mariechens Geburtstag war nahe, und ich hatte auch nicht einen Pfennig Geld in der Tasche. Mariechen hatte im Jahr dreimal Geburtstag. Aber ihre Augen waren so schön, und wenn sie sprach, diese schöne Stimme, und wenn man mit ihr tanzte, und alle verdrehten die Hälse nach ihr, nun, weshalb sollte sie nicht dreimal im Jahre Geburtstag haben? Ich will es Ihnen kurz erzählen. Dieser Roth brachte mich auf Abwege. Es ist lange her, und es ist ja keine Schande. Sehen Sie, dieser Roth ging durch verschlossene Türen, genau so wie der Wind durch ein offenes Fenster geht. Wir arbeiteten also zusammen, und Mariechen hatte gute Tage. Wir waren vorsichtig und übernahmen uns nicht. So ging es eine lange Weile. Aber nun hören Sie, nun kommt das Interessante. Wir gingen ja nun viel aus und tanzten, Roth, Mariechen und ich. Eines Tages nun sagte Roth zu mir, wir können eine Menge Geld verdienen. Dieser Lederhändler ist verreist, bei dem ich das elektrische Licht repariert habe. Hast du Courage? Ich sagte, weshalb nicht. Wir gingen tags vorher um das Haus, und Roth zeigte mir ein Fenster und sagte mir, ich werde also vorausgehen, und wenn ich dieses Fenster aufmache, so steigst du ein. Morgen abend, sagte Roth, morgen abend ist Neumond, da wollen wir die Sache machen.