Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben. Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine Sache Ledermann contra Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.

Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.

Wenzel telegraphierte aus Paris: „Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe! Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die Angelegenheit mit allen Mitteln!“

11

Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht, schönen Frauen nachzusehen.

An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.

Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. „Kommen Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,“ sagte er.

Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. „Es ist gut,“ entschied sie. „Fahren wir.“

Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.

Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die Luft ein.