Sie sagte: „Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.“

Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.

Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? „Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange völlige Freiheit für mich.“ Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie er sagte: „Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.“ Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.

„Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!“ rief sie.

Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener Menschen, die morden konnten?

Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man gab „Figaros Hochzeit“. Erinnerst du dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? „Er hat Format, in allem, was er tut, hat er Format,“ – sagte er das? oder sagte er „Kaliber“? Wiederum erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.

„Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.“

Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf.

„Ich habe geträumt,“ sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn, nachdenklich. „Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?“ Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des Traumes nicht mehr entsann.

„Gute Nacht, mein Junge,“ sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, „du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,“ und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie im Theater spräche: